Conserva me, Domine — Ps. XV (16)
„Du läßt Deinen Frommen das Grab nicht schauen“ (15, 10) Für Christen liegt das Verständnis dieser Verse auf der Hand. Aber für die vorchristlichen Juden?
Dieser Psalm ist sprachlich in allen Versionen extrem schwierig und stellt auch inhaltlich große Herausforderungen – obwohl insbesondere aus den Schlußversen 8 – 11 deutlich erkennbar wird, daß der Psalm letztlich darauf hinaus läuft, den Schlußgedanken von # 14 aufzugreifen und zu vertiefen: Der Herr überläßt seine Getreuen nicht dem ewigen Tode, sondern läßt sie für immer sein Angesicht schauen.
Der ansonsten oft hilfreiche Versuch, den Aussagen eines Psalms aus einer Nebeneinanderstellung der verschiedenen Versionen auf die Spur zu kommen, wird hier dadurch erschwert, daß mehrere Verse in allen Sprachen praktisch unverständlich sind und nur dann einigermaßen „übersetzbar“ werden, wenn man sich bereits für eine bestimmte Lesart und eine bestimmte Interpretation entschieden hat. Das ist genau der Stoff, aus dem in vergangenen Jahrzehnten viele theologische Doktorarbeiten gemacht worden sind – bei allem Wert im Einzelfall keine Hilfe für den Beter.
Die ganze Sache wird dadurch noch komplizierter, daß die Verfasser der Apostelgeschichte in Kapitel 2, 24 eine Interpretation wesentlicher Aussagen des Psalms vorgelegt haben, die den Rahmen unserer hermeneutischen Methode sprengt und übersteigt.
Zur Erläuterung: Wir gehen hier davon aus, daß der gewöhnliche Beter, der versucht, sich den Psalmen zu nähern, als Ausgangspunkt nicht viel mehr hat als den in der Regel unkommentierten Text einer mehr oder weniger gut gelungenen Übersetzung nach der hebräischen oder der griechisch/lateinischen Texttradition. Schon die Suche nach einem hilfreichen Kommentar scheitert oft genug an der unübersehbaren Vielfalt der Angebote – und der starken Tendenz der meisten modernen Angebote, unter dem Vorwand der Wissenschaftlichkeit die religiöse und spirituelle Dimension zurückzusetzen.
So gilt es also, den Psalmentext – oft ist es der durchaus problematische der „Einheitsübersetzung“ – dann in einer durchaus beschränkten Weise insoweit zu verstehen oder nachzuvollziehen, wie das auf der Grundlage des Wissens möglich ist, das ein (bereits einigermaßen belesener) „gewöhnlicher Beter“ über den Glauben des alten Testaments und über den Christlichen Glauben weiß. Dabei stimmt manches überein und anderes divergiert erkennbar – die Offenbarung des Alten Bundes war unvollständig und noch nicht abgeschlossen. Dieser Nachvollzug „klebt“ naturgemäß eng am vorgegebenen Text – und er tut das guten Gewissens und in der Überzeugung, daß dieser Text auch über alle Überlieferungsprobleme und über den zeitlichen Abstand von 2500 Jahren hinweg als „Gottes Wort“ zu uns spricht und so im Gebet zurückgesprochen werden kann. Das bietet zwar nicht die volle Höhe der theologisch möglichen Einsichten, aber irgendwo muß man ja anfangen, und „unten“ ist beim Aufstieg oft nicht die schlechteste Stelle
Allerdings können einem bei diesem Ansatz Autoritäten wie der Verfasser der Apostelgeschichte, der von Christus selbst belehrt und mit dem heiligen Geist gesalbt worden ist, ganz schön in die Quere kommen (und der hl. Augustinus noch mehr). Der Evangelist Lukas sieht (in APG 2, 25 – 32) eine prophetische Vorausschau des von ihm als Autor von Psalm 15 angenommenen „David“ auf die Auferstehung und Himmelfahrt Christi, und es spricht ja auch nichts dagegen, diese Verbindung zwischen der von den frühen Christen als Tatsache erlebten und geglaubten Auferstehung und den Versen 8 – 10 von Psalm 15 zu ziehen. Tatsächlich ist es ja erst das Faktum der Auferstehung Christi, das Psalmversen wie diesen ihre Glaubwürdigkeit und ihr Gewicht verleiht: „Du wirst meine Seele nicht der Unterwelt überlassen und deinen Heiligen nicht der Verwesung.“
Aus der Rückschau nach dem vollendeten Erlösungswerk und der Auferstehung liegt diese Verbindung auf der Hand und sollte daher auch vom christlichen Beter des Psalms an dieser Stelle (und ähnlichen in anderen Psalmen) in diesem Sinne mitbedacht werden. Für den vorchristlichen Beter war diese Verbindung in so konkreter Weise keinesfalls absehbar. Für ihn waren Verse wie hier 8 – 10 weniger konkrete Prophezeiung als Ausdruck seines Vertrauens darauf, daß der Allmächtige in seiner Güte letztlich alles zum Guten wenden werde, auch wenn das Wann und Wie noch in der Zukunft verborgen lagen. An solchen Stellen kann der heutige Leser und Beter darüber nachdenken wollen, auf welche Weise die Verfasser der Psalmen (und des Alten Testaments überhaupt) dazu „inspiriert“ wurden, derart überaus wagemutig erscheinenden Vertrauensbekundungen in ihre Dichtung aufzunehmen.
Solchen Fragen bei allzu vielen Gelegenheiten nachzugehen – und die Psalmenkommentare seit der Zeit der Kirchenväter bieten dafür reichhaltige Anregungen – ist nach unserer persönlichen Erfahrung dem Psalmengebet nicht förderlich – sie führen schnell auf das durchaus schlüpfrige Terrain der Bibelwissenschaften und sollten wohl auch dort ihren bevorzugten Platz haben. Für den, der die Psalmen „nur“ betend mit dem auserwählten Volk des alten (Israel) und des neuen Bundes (der Kirche) nachvollziehen will, hält Psalm 138 eine beherzigenswerte Ermahnung zu mehr Bescheidenheit bereit: „Zu wunderbar ist für mich dieses Wissen, / zu hoch, ich kann es nicht begreifen.“
Nach diesen Gedanken zur hermeneutischen Perspektive unserer Kommentierung aber zurück zu Psalm 15. Allerdings wirkt sich hier noch das bereits eingangs erwähnte Hindernis auf, das den Zugang zu dieser Perspektive, zum eigentlichen Gebet, erschwert. Der Text ist stellenweise korrupt – wie man die Buchstaben auch sortiert und die nicht mitgeschriebenen Vokale ergänzt, sie ergeben keinen eindeutigen Sinn. Schon Vers 3 ist problematisch, und die erste Hälfte von Vers 4 ist allen klassischen Versionen – hebräisch ebenso wie Septuaginta und Vulgata – so gut wie unverständlich. Das heißt, daß die Korrumpierung schon sehr früh eingetreten ist, bevor sich die griechische und die hebräische Traditionslinie getrennt hatten. Damit entfällt auch die sonst manchmal gebotene Möglichkeit, die eine Linie durch den Blick auf die andere zu korrigieren oder zumindest zu interpretieren.
Hier soll ausnahmsweise einmal auf ein Beispiel für dieses Problem etwas näher eingegangen werden, dessen Bearbeitung ansonsten weniger die Theologen und erst recht nicht die Beter interessiert, sondern von Sprachwissenschaftlern übernommen werden muß.
Die Übersetzung der liturgischen Vulgata von Rodrigo Kahl, die sich bewußt von Interpretationen fernhält und den Vulgatatext so wörtlich wiedergibt, wie dieser das unverständliche Hebräisch seiner Vorlage, schreibt, gestützt auf Augustinus: „Den Heiligen, die in seinem Lande sind, wunderbar hat er erfüllt all meine Wünsche an ihnen. Es mehrten sich ihre Leiden. Danach eilten sie herbei. Ihre Zusammenkünfte zu Blutopfern werde ich nicht mehr einberufen, und ihrer Namen werde ich nicht mehr gedenken mit meinen Lippen.“ Die von ebenso frommer Rücksicht auf die Tradition geleitete jüdische Übersetzung von Naftali Herz bleibt ebenso eng bei seiner hebräischen Vorlagen und kommt zu einem vielleicht wörtlichen, aber wenig sinnhaften : Mit den sich Heiligenden, die da sind im Land, den Führenden, die all mein Wünschen in sich tragen, die, deren Götzen viele, die um andere werben, gieß deren Opfergüsse nicht – von Blut – heb ihren Namen nicht auf meine Lippen.“ Beides verstehe, wer will.
Die verschiedenen Versuche der alten Autoren, dem Wortsalat einen Sinn abzuringen, sind wenig überzeugend, aber die neuzeitliche Textwissenschaft hat aus den Bruchstücken eine Brücke zwischen Vers 2 und Vers 4 gebaut, über die man ohne Schwindelanfall hinübergehen kann. Man muß sich nur dessen bewußt sein, daß es sich dabei um eine nach bestem Wissen vorgenommene Rekonstruktion handelt – aber solange nicht in irgendeiner Höhle am toten Meer ein sehr altes Textfragment mit einem verständlichen Originaltext zum Vorschein kommt, haben wir halt nichts besseres.
Auch die Einheitsübersetzung geht über diese Brücke, und so lesen wir dort für Psalm 15, 3 + 4 : „An den Heiligen im Lande, den Herrlichen, an ihnen nur hab ich mein Gefallen. Viele Schmerzen leidet, wer fremden Göttern folgt. Ich will ihnen nicht opfern, ich nehme ihre Namen nicht auf meine Lippen.“ Das ergibt einen nachvollziehbaren Sinn, und es passt auch zu vielem, was wir über die Religion und Spiritualität Altisraels wissen. Aber es ist nicht wirklich das, was da steht – das muß wohl bis auf weiteres als verloren gelten. Selbst eine für den sehr allgemeinen Gebrauch vorgesehene Übersetzung wie die EÜ sollte in solchen Fällen darauf hinweisen, daß hier nicht zuverlässig das Wort Gottes, sondern das der Wissenschaft steht. Nachdem all das wenn nicht geklärt, so doch zumindest angesprochen ist, läßt sich der Ablauf von Psalm 15 kurz so zusammenfassen.
Die ersten vier Verse markieren eine entschlossene Hinwendung zu Jahwe in einem Umfeld, in dem das keine Selbstverständlichkeit ist, weil fremde und falsche Götter als Konkurrenten auftreten. Die nächsten vier geben für diese Hinwendung eine Begründung: Die freudige Annahme des Schicksals und des Erbes, das Gott seinem Volk verliehen hat, und dem er beständige Fürsorge und Unterstützung gewährt. Der hier erwähnte „Becher“ wird von einigen neuzeitlichen Erklärern als Hinweis auf einen „Sitz im Leben“ des Psalms verstanden, etwa bei der Kelcherhebung im Rahmen eines Seder-Mahles oder in einer Tempelliturgie. Das erscheint uns angesichts des Kontextes etwas weit her geholt: Der von Gott „gefüllte“ Becher enthält die Lose, die das Schicksal des Menschen bestimmen – das hier positiv gezeichnete Bild ist in Psalm 74 noch einmal im Negativen für das Los der Bösen aufgegriffen.
Höhepunkt sind dann die drei letzten Zeilen, die die Glaubensgewißheit ausdrücken, daß diese Fürsorge und Unterstützung Gottes über dieses Leben hinaus reichen – eine Vorahnung des ewigen Lebens mit Leib und Seele in der Anschauung Gottes in einer Zeit, in der noch nicht einmal die Vorstellung eines Lebens nach dem Tode zum allgemeinen Glaubensgut gehörte.
In der deutschen Dichtung und dem deutschen Kirchenlied scheint Psalm 15 keine allzu deutlichen Spuren hinterlassen zu haben. Anders in den Liedern der versklavten Afrikaner in Nordamerika, die im frühen 19. Jahrhundert das „ich werde nicht wanken“ aus Vers 8 zusammen mit dem Bild der Bäume an den Wasserbächen aus Psalm 1 in dem Spiritual „We Shall Overcome - I shall not be moved“ zusammenfassten – das dann in seiner verweltlichten Form als Hymne der Bürgerrechtsbewegung auch in Deutschland populär geworden ist.
Letzte Bearbeitung: 25. März 2024
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