Exaudi, Domine — Ps. XVI (17)

Klassische Darstellung der Auferstehung: Der triumphierende Christus erhebt sich, von einem Engel assistiert, aus dem Grab, die Wächter sinken geblendet zu Boden, in der Ferne nahen die drei Frauen mit den Salbölen.

Ich aber will in Gerechtigkeit Dein Angesicht schauen und mich satt sehen an Deiner Gestalt, wenn ich erwache. (16, 15)

Psalm 16 hat neben deutlichen inhaltlichen Parallelen mit #15 auch die stellenweise schwer verständliche Textgestalt gemeinsam. Die grie­chisch/lateinische Tradition ist davon natur­ge­mäß noch stärker betroffen als die masoretische Version, aber im großen Bogen der Gedanken­führung stimmen die beiden Traditionen bzw. die auf ihrer Grundlage erstellten Übersetzungen bei Psalm 16 doch weitgehend überein. Hier wie in anderen ähnlichen Fällen ist die auf dem (angeblichen) hebräischen Urtext beruhende Lesart bzw. Übersetzung oft eingängiger zu lesen und erscheint verständlicher – aber der Leser / Beter kann sich ebenso wie bei den Übersetzungen nach Septuaginta/Vulgata nicht sicher sein, ob er tatsächlich den versprochenen „Urtext“ erhält oder nur das mehr oder weniger gelungene Ergebnis menschlicher Textwissenschaft. Das Problem hat sich nicht dadurch abgemildert, daß die Kirche in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts den Versuch unternahm, die seit tausend Jahren durchforschte und durchbetete Vulgata durch eine auf den „aktuellen Stand der Wissenschaft“ gebrachte „Neo Vulgata“ zu ersetzen.

Psalm 16 beginnt mit den ersten beiden Strophen (V. 1 – 8) als Bittgebet. Der Beter versichert Israels Gott Jahweh seine Aufrichtigkeit und seinen guten Willen und drückt seine Überzeugung aus, daß der Herr ihn bisher auf rechtem Weg geleitet hat und so auch in Zukunft leiten und schützen wird. Traditionelle Deutungen (sowohl bei Juden als auch bei Christen) rücken den Psalm in den Zusammenhang mit einer der zahlreichen Situationen im Leben Davids, in der der Verfolgte um sein Leben fürchten mußte.

Nach diesem Ausdruck von Zuversicht und Gottvertrauen kommen böse Feinde ins Bild (9 – 12), die dem Beter nachstellen wie erbarmungslose Raubtiere. Dabei gibt es einen deutlichen Unterschied zwischen der hebräischen und der griechisch/lateinischen Texttradition. Im Hebräischen ist nur einmal und fast beiläufig die Rede davon, daß es nicht nur um das irdische Leben, sondern auch um das Seelenheil des Beters geht. Zwar kann das da stehende Wort neben „Leben“ auch „Seele“ bedeuten, aber der gesamte Kontext der Verfolgungssituation bleibt doch stark im Bereich des irdischen Lebens. Septuaginta und Vulgata nehmen da erkennbar neben der natürlichen auch die übernatürliche Ebene in den Blick: die Bösen werden unmißverständlich als „Gottlose“ angesprochen, die der psyche/anima des Beters nachstellen. Das sind nicht nur Räuber, da sind auch Versucher oder Dämonen im Spiel, die (auch und vor allem) das übernatürliche Leben bedrohen.

Die Schlußstrophe mit dem Gebet um Errettung ist zwar in beiden Sprachtraditionen von Ungereimtheiten entstellt und dementsprechend schwer verständlich, aber sie scheint diese unterschiedliche Sichtweise weiterzuführen und zu bestätigen. Sie sagt zunächst aus, daß die Bösewichter sich bis zum Überfluß und auch für die künftigen Generationen an irdischen Reichtümern sättigen – während die Gerechten satt werden vom Anblick der göttlichen Herrlichkeit. Die Einheitsübersetzung, die sich vorzugsweise auf den hebräischen Text stützt, behält dabei den Blick auf das Irdische gerichtet. Ein moderner Kommentator (Hossfeld) denkt (wohl im Anschluß an jüdische Kommenta­to­ren) bei der letzten Zeile an einen Beter, der beim Aufwachen den Glanz der Morgenson­ne wahrnimmt und daraus nach altorientalischer Denkweise die Gewissheit gewinnt, daß seine Bitten erfüllt sind – hier entschwindet sogar der Gott Israels aus dem Blickfeld.

Die kirchliche Tradition denkt beim letzten Vers an ein Erwachen (nach dem Tode), vor dem Angesicht Gottes – dessen Herrlichkeit für alles im irdischen Leben Erlittene entschädigt. Die Tradition kann sich dabei auch auf den Text der (jüdischen!) Septuaginta stützen, die den letzten Vers wiedergibt als „Und ich werde gesättigt sein im Angesicht Deines Glanzes“.

Solche subtilen Unterschiede erhalten Gewicht, wenn man sie im größeren Zusammenhang betrachtet: Die Septuaginta ist zwar durchgängig jüdisch – aber sie entspricht der Glaubens- (und Text-)tradition der frommen Juden des 3. und 2. vorchristlichen Jahrhunderts, die stärker als in der Zeit unmittelbar vor und nach dem Exil (7 – 5. Jh.) „spirituell“ geprägt war. In diesem 3. und 2. Jahrhundert wuchsen die messianischen Hoffnungen (zumindest eines Teils der Juden) über die Erwartung der Neuerrichtung des alten irdischen Königtums hinaus, und in dieser Zeit vertiefte sich der Glaube (auch wieder nur eines Teils der Juden) an ein Weiterleben nach dem Tod in der Anschauung der göttlichen Herrlichkeit.

Es war diese Tradition, in der die Predigt Jesu ihre Jünger und Anhänger fand – und die „ungläubigen Juden“ der Masoretenschule brauchten bei ihrer Redaktion des „Urtextes“ nur auf Text- und Kommentartraditionen der früheren Zeit zurückzugreifen, um ihre gegen das Christentum gerichtete Lesart der Schrift zu untermauern. Der Zeitaspekt früher-später spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle: Auch in der Zeit Christi bestanden die verschiedenen jüdischen Glaubensrichtungen noch neben- und gegeneinander, und wenn wir dem Zeugnis des Flavius Josephus glauben dürfen, glaubten zwar die Pharisäer an ein Weiterleben der Seele nach dem Tode, während die Sadduzäer eben dieses entschieden bestritten. Auch hier wieder wird fassbar, was gemeint ist, wenn Papst Benedikt die Septuaginta als Ausdruck eines eigenen Stadiums der Offenbarungsgeschichte bezeichnet – und wie sehr die Rede vom masoretischen Version als dem eigentlichen „Urtext“ der Bibel darauf aus ist, den vollen Umfang dieser Offenbarung zu verschleiern.

Letzte Bearbeitung: 25. März 2024

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