Diligam te, Domine — Ps. XVII (18)
„Mit meinem Gott überspringe ich Mauern“ (V. 30) –denn er läßt sie für Israel einstürzen.
Wo Psalm 16 in der griechisch-lateinischen Tradition ein spätes Stadium der Offenbarungsgeschichte markiert, scheint Psalm 17 auch in dieser Tradition auf ein wesentlich früheres, ursprünglicheres, und wenn man so will „primitiveres“ Stadium zurückzugehen. Vielleicht ist das der Grund dafür, daß die Übersetzer ins Griechische vor allem gegen Schluß zu manches nicht wirklich erfaßt und „komisch“ übersetzt haben: Einige Bilder und Sichtweisen waren ihrem „fortgeschrittenen“ Welt- und Gottesverständnis zu fremd geworden. Die hebräische Version zeigt denn auch in einigen Passagen eine sehr altertümliche Sprache – oder wurde bewußt in einer archaisierenden Sprachform verfaßt.
Psalm 17 hat übrigens im 22. Kapitel des 2. Buch Samuel einen Doppelgänger – die beiden Fassungen stimmen innerhalb der jeweiligen Traditionen überein. Daß die Psalmen Gedichte, Lieder sind, ist allgemein anerkannt. Bei Büchern des Alten Testaments und ihren Kapiteln liegt dieser Gedanke weniger nahe – Psalm 17 gibt einen Hinweis darauf, daß auch zahlreiche Passagen des alten Testaments über die sogenannten „cantica“ hinaus als Lieder und Dichtung in poetischen Formen anzusehen sind.
Sowohl nach Form als auch nach Inhalt erscheint dieser Psalm – er gehört zu den längsten im ganzen Psalter – wie aus mehreren Teilen zusammengesetzt. Einem Lob- und Danklied (1 – 4 oder 6) folgt eine Beschreibung (7 – 16) der Erscheinung des zur Hilfe bereiten Gottes Jahweh, die Bilder aus ältester Zeit heraufzubeschwören scheint. Dem folgen einige Strophen (V. 16 – 32 oder 36), die wie eine Erklärung oder Rechtfertigung dafür klingen, daß der mächtige Gott dem ohnmächtigen Beter zur Seite gesprungen ist: Der Beter hat sich immer an Jahwes Gebote gehalten und erhält folgerichtig durch den ebenso gerechten wie starken Gott den Lohn dafür. Dieser Lohn wird in den folgenden Strophen (V. 37 – 46) in Bildern irdischer Macht und irdischen Reichtums ausgemalt – diese Verse sprechen deutlich aus, daß es hier nicht um das Loblied eines frommen Familienvaters geht, sondern um ein Siegeslied, mit dem ein Herrscher seine wiedererlangte und gefestigte Macht feiert. Sowohl die hebräische wie die griechische Überlieferung schreiben daher die Autorschaft des Psalms David zu – und das mag für einige Passagen durchaus zutreffen. Gleichzeitig öffnet Vers 44 zumindest als Ahnung den Blick auf die mit der Person David verbundene messianische Dimension, wenn es dort heißt: „Du errettest mich aus den Kämpfen innerhalb des (Juden-)Volkes und machst mich zum Haupt der Heidenvölker“. Die letzten Verse (ab 47) greifen dann noch einmal das Loblied des Anfangs auf und bereichert dessen doch recht diesseitige Verständnisebene in der Bekräftigung des messianischen Königtum Davids „in alle Ewigkeit“.
In seinen sprachlichen Schwierigkeiten und seiner komplexen inhaltlichen Struktur bietet Psalm 17 den textkritischen Bibelwissenschaftlern reichhaltige Betätigungsfelder die zu den unterschiedlichsten und oft auch widersprüchlichen Theorien geführt haben – und die den Beter nicht wirklich berühren müssen. Für ihn sind vor allem drei Elemente bemerkenswert: Der Psalm insgesamt zeigt eine Aufwärtsbewegung, die von einem schlichten Dankeslied für die Errettung aus irdischen Kriegsnöten zu einer Vorahnung des messianischen Friedenskönigtums führt. Ein Einzelelement, nämlich die „Rechtfertigung“ des göttlichen Eingreifens in den Versen 16 – 32, illustriert fast wie ein Lehrgedicht das vor-erlöste jüdische Verständnis des von Erich Zenger zutreffend so bezeichneten „Tun-Ergehen-Zusammenhangs“, das man an anderer Stelle (Etwa Psalm 27 (28) ) quasi in voller Ausbildung betrachten kann. Diese Denkweise war auch in der Zeit Jesu noch stark, wie aus der Frage der Jünger an den Herrn zur in Joh. 9 berichteten Heilung des Blinden hervorgeht: „Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?“
Diesen im ganzen AT wirkmächtigen Zusammenhang zu kennen ist auch für den christlichen Beter nicht unwichtig – und sei es nur, um zu erkennen, wie das Wissen um die Unsterblichkeit der Seele und die Erlösung durch das Kreuzesopfer dieses Verständnis auf eine höhere Stufe gehoben haben. Ein weiteres Einzelelement, die „Theophanie“ der Verse 7 – 16, erlaubt einen Blick auf das Gottesbild der Vor- oder Frühzeit des Judentums, das noch tief in den Gottes- und Göttervorstellungen des alten Orients verwurzelt war und erst allmählich aus diesen herauswuchs. Die christliche Deutung hat sich von dieser Herkunft befreit und deutet die dunklen und bedrohlichen Elemente dieses Abschnitts als Wirken von Dämonen, die den Frommen in ihren Bann schlagen wollen. Damit hat sich dieses Verständnis von den ursprünglichen geistigen und lebensweltlichen Wurzeln sowie vom Literalsinn des Psalms gelöst und ist für den heutigen Beter zunächst nur als Frucht von Kommentarstudien einsehbar. So gesehen also ebenso sehr Ergebnis „akademischen“ Herangehens wie der historische Ansatz.
Von daher erscheint das Verständnis der Kirchenväter zunächst als eine ziemlich gewaltsame Umdeutung des ursprünglichen Sprachspiels. Man muß jedoch bedenken, daß auch die Kirchenväter ihr Verständnis nicht völlig traditionslos aus der vom Christentum neu durchwirkten Luft der ersten Jahrhunderte geschöpft haben. Wenn auch im Einzelfall schwer nachweisbar, spricht vieles dafür, daß es ähnliche Deutungen auch schon in der stärker spirituell geprägten Tradition des griechisch beeinflußten Judentums gab, das in der Septuaginta seinen Ausdruck gefunden hat. Man kann dieses nachträglich in den Text der Psalmen hineingelegte Verständnis des Christentums auch als eine weitere Stufe des „Herauswachsens“ aus Rohheit und Unwissenheit betrachten – diesmal nicht im engen Rahmen des Gottesvolkes Israel, sondern im erneuerten und erweiterten Gottesvolks der Kirche. Es ist ein und derselbe Geist, der hier am Werk ist.
Da das „Herauswachsen“ oder besser Herausgeführt-werden aus früh- oder vorjüdischer Gedankenwelt gerade in den Psalmen immer wieder erkennbar ist, soll hier zumindest in Stichworten etwas näher darauf eingegangen werden. Die Bilder der Verse 8 – 16 sind nicht nur poetischer Ausdruck der überwältigenden Macht und Größe Gottes – zumindest nicht in ihrem Ursprung. Sie gehen zweifellos auf eine Gedankenwelt zurück, die vor die Offenbarung des einen allmächtigen Gottes und Schöpfers des Himmels und der Erde zurückreicht. Ergebnisse der historisch-kritischen Bibelwissenschaft, die diese aus dem Vergleich des Psalms mit Gebeten anderer altorientalischer Kulturen gewonnen hat, können hier durchaus sinnvoll genutzt werden. Danach beschreiben diese Bilder ursprünglich eine Naturgottheit, die über Erdbeben, Vulkane und vor allem über das Gewitter gebietet. Sie reitet auf Gewitterwolken und fährt auf den „Cherubim“ daher – die Cherubim sind in dieser Vorstellung, die sich auch in anderen Psalmen findet, (z.B. 103; 3-4), (noch) starke Naturgeister oder „Göttersöhne“; sie stehen der Gottheit zu Diensten wie (oder als) Sturm, Wolkenbruch, Hagel, Blitz und Donner – die stärksten Kräfte des damaligen Vorstellungsvermögens. Doch diese Naturgewalten sind nicht autonom – in ihnen waltet die Gottheit, die schließlich als „Jahweh“, der Gott Israels, erkennbar wird. Weitere Stufe in diesem vom Geist geführten Erkenntnisprozess zeigen sich z.B.in Psalm 96; 2 und Psalm 98; 2.
Um diese „Ahnenreihe“ in das entwickelte jüdische und vor allem das christliche Weltbild einzuordnen, ist es hilfreich, eine Parallele oder Analogie zur Inkarnation des Wortes Gottes „in der Fülle der Zeiten“ zu ziehen: So wie die Person des göttlichen Wortes zu seiner Menschwerdung sich der geschaffenen und gewachsenen irdischen Materie einer menschlichen Mutter bediente, hat auch das Wort Gottes in der Offenbarung / Heiligen Schrift sich der bereits vorhandenen – und nicht zufällig so beschaffenen – primitiven „Materie“ des menschlichen Denkens über Gott und das Überirdische bedient. Das wahrzunehmen und soweit möglich nachzuvollziehen – der Gedanke einer „Ur-Offenbarung“ ist dabei hilfreich - kann auch dem heutigen Beter nützlich sein, wenn er vom Sinn der Worte zum geistigen Sinn vorangehen will. Vor allem, wenn man den durchgehenden und wesentlichen Zug der Aufwärtsentwicklung im Blick hält, der auch diesen Psalm kennzeichnet. Die Entwicklung des Verständnisses führt aufwärts vom Gewittergott der Vorzeit zum Einen Gott vom Sinai und zum messianischen Königtum des Eingeborenen Sohnes – und nicht etwa zurück zu Weltgeistinnen wie Pachamama.
Letzte Bearbeitung: 25. März 2024
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