Exaudiat te Dominus — Ps. XIX (20)
„Der Herr schenkt seinem Gesalbten den Sieg“ (V. 7)
Für den kurzen Psalm 19 (abzüglich der Überschrift gerade einmal 9 Verse) gibt es verschiedene Erklärungs- und Einordnungsversuchen – die doch in der Hauptaussage übereinstimmen: Psalm 19 wäre demnach ursprünglich ein liturgisches Gebet für den König, wohl vor dem Aufbruch zu einem Feldzug. Die ersten Verse (2 – 5) enthalten einen Segensspruch des Priesters oder eines Priesterchores, während der zweite Teil (6 – 10) die Akklamation des Volkes oder eines weiteren Chores unter Einschluss des Königs wiedergibt. Die letzte Zeile (10) wendet sich dann noch einmal direkt an den Herrn und fasst den Inhalt der Bitten in einem Imperativsatz zusammen. „Herr, bring dem König Heil und erhöre uns, wenn wir zu Dir flehen.“
Die Überschrift weist den Psalm König David oder zumindest seiner Zeit zu, wie üblich ohne Belege und von der Sache her eher unwahrscheinlich. Die Königszeit endete für Israel zu Beginn des 6. Jahrhunderts mit der Zerstörung des Ersten Tempels und der Wegführung der herrschenden Schicht ins babylonische Exil. Zumindest zur Zeit der Abfassung des Psalters hatte Israel schon lange keinen König mehr. Wenn hier also ein liturgisches Gebet überliefert ist, dann eines, das zur Zeit seiner Aufnahme in den Psalter bereits seinen „Sitz im Leben“ verloren hatte. Um so stärker regten sich allerdings zur Zeit der Abfassung des Psalters die messianischen Hoffnungen, die für viele mit der Erwartung einer Wiedererrichtung des alten Königtums einhergingen.
Auch wenn es in Israel keinen König mehr gab, war der Gedanke des Königtums für die frommen Juden aus der Überlieferung der Tora stets gegenwärtig. Für die einen eher rückwärts gerichtet und nostalgisch, für andere stärker in die Zukunft gerichtet in der Erwartung eines messianischen Friedensreiches, in dem sich alle Völker der Herrschaft Jahwes unterwerfen würden. Tatsächlich bezeichnet 19, 6 auch in der hebräischen Fassung den König nicht mit dem üblichen Gattungsbegriff, sondern als den „Gesalbten Yahwehs“, was im Griechischen völlig korrekt mit „christon tou kyriou“ bzw. in der Vulgata mit „christum domini“ wiedergegeben wird.: Der Herr Christus.
Natürlich konnten die christlichen Erklärer und Beter dabei nur an Jesus den Christus denken, der die erflehte Erlösung inzwischen verwirklicht hatte – wenn auch nicht in der Weise, in der die meisten Juden das erhofft hatten. Der Wortlaut ist der gleiche, die Bedeutung verschiebt und entfaltet sich im Lauf der Jahrhunderte. Mehr dazu später im Zusammenhang mit dem folgenden Psalm 20 (21), der seit alters her als eine Art Fortsetzung oder Gegenstück zu # 19 gilt.
Bei dieser durchaus als organischer Prozess zu verstehenden „Entfaltung“ konnten freilich oft nicht alle Aussagen eines Psalms in gleicher Weise auf die neue Verständnisebene überführt werden – dazu sind die meisten Psalmen zu sehr mit den konkreten Lebensumständen ihrer Entstehungszeit verbunden. Psalm 19 bietet hierfür ein recht gut geeignetes Beispiel.
Falls der Psalm entstanden ist und schon gebetet wurde, als Israel noch Könige hatte, kann dieses Lied gar nicht anders verstanden worden sein als ein Gebet für den Sieg in einem bevorstehenden Feldzug. Doch sollte er später – nach der Rückkehr aus Babylon – entstanden sein, rief er im Beter wohl die Erinnerung an die großen Zeiten zurück, als Jahweh noch mit seinem Volk und dessen König in den Kampf zog (Psalm 59). Dann konnte er – wie das ja in # 59 und vielen anderen Psalmen auch explizit gesagt wird – als Erinnerung an frühere und bessere Zeiten verstanden werden: Jahweh, Du unser Gott, Du hast uns doch schon früher so oft geholfen – dem Moses gegen den Pharao (134, 135), dem David gegen seinen Sohn Absalom (3), der Stadt Jerusalem gegen die vereint heranziehenden Könige (Psalm 47) – hilf uns jetzt wieder und erlöse uns von dem Übel.
Für die Christen war all das Vergangenheit, von der sie nichts zurückzuwünschen hatten. Christus war für sie der Friedenskönig, der den geistigen und leiblichen Kampf geführt hatte, der alle irdischen Kämpfe beenden oder bedeutungslos machen sollte. Die Kämpfe die David – oder andere Könige Israels – als Gesalbte des Herrn geführt hatten, um das auserwählte Volk zu einen und zu bewahren, sahen sie als „Vorgestalten“ des Erlösungswerks Christi in seiner Passion und seinem Opfer am Kreuz. Ebenso die angesprochenen Brandopfer, die der König im Tempel darbringen ließ. Auf einer zweiten Bedeutungsebene deuteten diese Opfer dann aber auch auf die Leiden und Opfer hin, die jeder Christ auf sich nehmen muß, um dem Vorbild und dem Auftrag des Herrn gerecht zu werden. Augustinus und viele Psalmenerklärer in seiner Tradition verstehen den Psalm tatsächlich als eine direkte Prophetie, als die Vorhersage der zukünftigen Ereignisse des Erlösungswerkes.
Diese Engführung ist wohl dem Denken der Gegenwart nur schwer nachvollziehbar. Ein Zusammenhang wird für uns erst erkennbar, nachdem Christus den Kampf geführt, das Werk vollbracht und seine königliche Stellung zur Rechten des Vaters eingenommen hat. Dazu dann im Zusammenhang mit Psalm 20 mehr.
Letzte Bearbeitung: 25. März 2024
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