Domine, in virtute tua — Ps. XX (21)

In seinem prächtigen Papalst empfängt König Salomo, von seinem Hofstaat umgeben, die Königin von Saba. Aus der Galerie schauen die Famen seines Harems zu.

„Groß ist sein Ruhm durch Deine Hilfe, Du hast ihn bekleidetmit Hoheit und Pracht.“ (20,6)

Psalm 20 liest sich vom Text her gesehen wie ein Fort­füh­rung, wie eine Antwort, wie eine Danksagung auf die in # 19 vorgetragene Bitte. Ja, der König hat die erbetene Hilfe erhalten, die Schlacht ist gewonnen, die Krone gerettet – so könnte und so soll es weitergehen für alle Zeit.

Auch dieser Psalm ist zweiteilig. Während die erste Hälfte (2 – 8) die Gaben aufzählt, die (in Erfüllung der Bitten der ersten Hälfte von #19) gewährt wurden oder künftig gewährt werden, zieht die zweite Hälfte (9 – 14) daraus eine Art Nutzanwendung für die Zukunft, indem sie weitere Wohltaten aufzählt, die sie für den König erwartet – und kräftige Verwünschun­gen aus­spricht gegen die Feinde, die sich ihm wider­setzen. Wer will, mag auch hier eine liturgische Situa­tion und eine Aufteilung in einen Priester­chor für den ersten Teil und eine Akklamation des Volkes im zweiten Teil annehmen – Belege dafür gibt es nicht.

Wie beim vorausgehenden Psalm enthält der letzte Vers (14) eine Zusammenfassung im Imperativ: „Erhebe Dich Herr, in Deiner Macht wollen wir singen und deine Stärke preisen“. Das „nach oben“ gilt hier also Jahweh. Die heute meist gebrauchte hebräische Lesart stellt noch stärker die Tatsache der bereits erfüllten Bitten heraus: „Sei hoch gepriesen Herr, in Deiner Macht wollen wir singen und deine Stärke preisen“. Hier sind es die Beter, die ihr Lob erheben. Mit solchen Unterschieden der Akzentsetzung kann man gut leben.

Die beiden Psalmen 19 und 20 zusammen genommen zeigen recht anschaulich die mit der Zeit fortschreitende Entwicklung des Verständnisses solcher Texte. Sollte der Psalm tatsächlich noch in die Königszeit zurückreichen und zum Dank für einen Sieg in der Schlacht gesungen worden sein – auszuschließen ist das nicht – mußten die Beter genau an dieses Szenarium denken: Dank für den Sieg ihres Königs, der mit Yahwehs heiligem Öl aus der Bundeslade gesalbt worden war. Wenig Rückschau in die Vergangenheit und auch wenig Vorausschau in die Zukunft – alles spielt sich in der Gegenwart ab. Sollte der Psalm erst aus einer Zeit stammen, in der Israel keinen König mehr hatte, lag es nahe, darin eine Art Rückerinnerung an ein vergangenes besseres Zeitalter zu sehen. Für den jüdischen Beter der griechischen Version im 3. Jahrhundert mochte sich der fromme Sinn dabei schon mehr oder weniger stark auf den erhofften zukünftigen Erlöserkönig richten. Er konnte den Psalm messianisch verstehen.

Für die christlichen Beter ereignet sich hier der gleiche Perspektivwechsel wie bei Psalm 19: Was die Juden erhofften, ist für die Christen erfüllt. Augustinus und Nachfolger deuten den König auch hier wieder bis zur letzten Konsequenz auf Christus als den siegreichen Erlöser – bis hin zu solchen Details, daß Augustinus in der „Krone von Edelstein“ (4) eine Vorausschau auf die „vielen Diademe“ sieht, die der König der Könige in Buch 19 der Offenbarung des Johannes trägt, und daß die Zeile „Du gabst ihm Leben“ (5) die Auferstehung meint. Das kann man alles als Assoziation in solchen Psalmversen wiederfinden – aber von Anfang an und als Prophezeiung darin enthalten ist es wohl eher nicht. Im Fall der Krone aus „Edelsteinen“ war es vermutlich umgekehrt: Die Bildersprache der Offenbarung greift auf den ganzen Reichtum der biblischen Weltsicht zurück, Psalmen eingeschlossen. Wer von der Wiederkunft des Messias am Ende der Zeiten sprechen wollte, hatte jeden Grund und jedes Recht, auf messianische Vorgestalten aus dem alten Testament zurückzugreifen.

Hier scheinen einige Überlegungen zum Unterschied zwischen Prophetie und Typologie, zwischen Vorhersage und Vorgestalt, angebracht. Zum Wesen einer Prophetie würde doch gehören, daß Hörer und Beter erkennen oder zumindest vermuten können, daß von zukünftigen Dingen die Rede ist und eine Vorhersage gemacht wird – auch wenn deren Verständnis schwierig und nicht eindeutig zu bestimmen ist. Das scheint uns hier nicht gegeben zu sein. Hier entfaltet sich das Verständnis erst mit dem Ablauf der Zeit. Nachdem bestimmte Ereignisse eingetreten sind, finden Beter und Schriftgelehrte Entsprechungen in alten Texten und stellen zeitübergreifend einen Zusammenhang her, „damit die Schrift erfüllt werde“.

Und genau diese Art von Erinnerung scheint das Wesen des typologischen Denkens auszumachen: Die Typologie greift nicht auf Zukünftiges aus, sondern sie erkennt in der Vergangenheit „Muster“, die dabei helfen, Gegenwärtiges – oder auch Zukünftiges aus der Perspektive der jeweiligen Gegenwart – besser zu verstehen oder vertrauensvoller zu erhoffen. Es ist eben „typisch“ für Jahweh, daß er seinem auserwählten Volk in der Not zur Hilfe kommt. Und seine nachdrücklichste Bewahrheitung findet dieser Typos eben darin, daß er seinem Volk und der ganzen Menschheit seinen eingeboren Sohn schickt, um es aus seinen Nöten zu erlösen.

Mit diesem Denkansatz soll nicht gesagt sein, daß es in den Psalmen nicht auch aus­gesprochen prophetische Verse gibt. Offensichtlich gibt es sie – und sie können dem Beter – vor zweitausend Jahren ebenso wie heute – reichlich Kopfzerbrechen berei­ten. Gleich der nächste Psalm bietet dafür ausführliches Anschauungsmaterial.

Letzte Bearbeitung: 17. Mai 2024

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