Deus, Deus meus — Ps. XXI (22)

Der Holzschnitt der Bilderbibel zeigt die Szene der Dormnenkrönung und Verspottung Christi umgeben von den Henkersknechten.

„Eine Schaar von Hunden hat mich eingekreist, die Rotte der Bösen umgibt mich“. (21, 17)

Psalm 21 gehört zu den am schwersten ver­ständ­lichen Liedern der ganzen Sammlung, das gilt für den Inhalt ebenso wie für die Textgestalt. Ins­be­son­dere der hebräische Text in der masore­ti­schen Lesart ist an einigen entscheidenden Stel­len so gut wie unverständlich. Oder die stets in Opposition zum Christentum operierenden Masoreten haben sich nur geweigert, das in der judengriechi­schen Übersetzung der Septuaginte ausgedrückte messianische Verständnis zu akzep­tieren, weil dieses zu sehr „Wasser auf die Müh­len der falschen Seite“, also der Christen, geleitet hätte.

Der Spiritus Rector der modernen akademischen katholischen Psalmenwissenschaft, Erich Zenger, hat es vorgezogen, Psalm 21 bei seiner vier-bändigen an ein breites Publikum gerichteten Psalmen-Auslegung schlichtweg zu überspringen: das war ihm für sein vielfach preisgekröntes Projekt, die Psalmen „den Juden zurückzugeben“ (und sie dafür den Christen zu stehlen), zu riskant. Die ganze moderne „kritisch-historische“ Bibelwissenschaft ist von dieser Tendenz geprägt an und bemüht sich darum, den großen heilsgeschichtlichen Zusammenhang dieses Psalms, wie er in der Septuaginta-Version durchaus wahrnehmbar ist, durch komplizierte Untersuchung von Einzelfragen in den Hintergrund rücken zu lassen.

Genau auf diese großen Linien sollte man sich als Beter konzentrieren und dabei von vielen – oft durchaus interessanten – Einzelheiten nicht ablenken lassen. Wir wollen versuchen, diesem Vorsatz gerecht zu werden, indem wir uns von allen Spekulationen über Verfasserschaft und Entstehung des Psalms fernhalten und uns auf das konzent­rieren, was der Text des Psalms selbst sagt oder unüberhörbar anklingen läßt.

Psalm 21 beginnt mit einem Vers, den auch Christen kennen, die dem Psalmengebet sonst fern stehen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen“ – nach dem Passionsbericht des Matthäus (27-46) das letzte Wort des sterbenden Erlösers am Kreuz. Im Psalm selbst folgt dem noch als zweiter Halbvers der Ausruf „Weit weg von meiner Rettung bin ich durch das Geschrei meiner Sünden“. Ob Jesus auch diesen Satz noch mitgesprochen hat, ist bei Matthäus nicht überliefert, mußte wohl auch nicht ausdrück­lich gesagt werden: Schon mit dem ersten Satz macht sich der betende Jesus den ganzen Psalm zu eigen. Er, der ohne Sünde war, nimmt die Sünden der ganze Welt und ihr ganzes Leid auf sich in einem furchtbaren Moment der Gottesferne.

So legt es der Text der Septuaginta nahe – der masoretische Text ist an dieser (und anderen) Stelle entsprechend den ideologischen Absichten seiner Redakteure weniger entschieden und soll hier auch nicht näher berücksichtigt werden.

Psalm 21 ist unter allen Klageliedern des Psalmenbuches das erschütterndste – und er ist durchzogen von Versen, die zumindest in der Rückschau nicht anders verstanden werden können denn als Anspielungen auf die Passion des Herrn.

Die ersten beiden Verse kommen aus der Trostlosigkeit der Gottesnacht, wie sie auch schon vor und nach Jesus am Kreuz immer wieder von vielen Menschen erfahren wurde. Die drei nächsten Verse stellen dem ein unerschütterliches Vertrauensbekenntnis gegenüber: „Dir haben unsere Väter vertraut – und Du hast sie errettet.“ Doch sofort, so scheint es, melden sich wieder Zweifel, und die Strophe kehrt zu einer Vorahnung der Szene von Golgatha zurück: „Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, der Leute Spott.“ Und was spotten die Leute?: „Wenn Du dem Herrn wohlgefällig wärest, würde er dir beistehen“. Aber so – das wird nicht gesagt, klingt aber unüberhörbar als Ausdruck des Zusammenhanges von Tun und Ergehen mit – aber so sehen wir gerade an deinem Elend, daß Du und dein Lebenswandel Gott nicht gefallen.

Ein zweifaches Echo davon findet sich wieder im Matthäus-Evangelium, wo geschildert wird, daß einige Zeugen der Kreuzigung den Ausruf der ersten Psalmzeile „Eli, Eli, lama sabakhthani“ als Anrufung des für Beistand in der Todesstunde in Anspruch genom­menen Propheten Elias mißverstehen und ähnlich spöttisch sagen: Wollen wir doch mal sehen, ob er kommt. (Mt 27, 47-49). Schon zuvor (Mt 27, 40 – 43) hatten die Pharisäer gespottet: Er hat auf Gott vertraut – der möge ihm jetzt helfen, wenn er an ihm gefallen hat“ (MT 27, 43) Das ist im griechischen Urtext des Evangeliums fast mit den gleichen Worten ausgesprochen wie in Vers 9 unseres Psalms nach der Septuaginta!

Diesem „Nach“-Echo im Evangelium dürfte für die meisten jüdischen Hörer und Beter von Psalm 22 ein „Voraus“-Echo in den Liedern vom leidenden Gottesknecht beim Propheten Jesajas (Kapitel 47 - 53) entsprochen haben. Das klingt bereits an bei dem „Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, der Leute Spott und vom Volk verachtet“ von Vers 7, das eine Entsprechung im 4. Gottesknechtlied hat: „Er hatte keine schöne und edle Gestalt, … er wurde verachtet und von den Menschen gemieden“ (Jes 53, 2-3). Die Parallele beider Texte wird dann unmittelbar danach mit Vers 10 unterstrichen, wenn es heißt „Du bist es, der mich aus dem Schoß meiner Mutter gezogen … von Geburt an bin ich ganz und gar der Deine.“ Dabei klingt unüberhörbar an das 2. Lied vom Gottes­knecht, das mit den Versen beginnt: „Schon im Mutterleib hat Jahweh mich berufen; als ich noch im Schoß meiner Mutter war, nannte er schon meinen Namen.“

Der Gottesknecht Jesajas ist aber nicht nur unter allen messianischen Vorausschauen des alten Testaments die messianischste – sie ist auch weit entfernt von jeder weltlichen Messiashoffnung: Nicht mit dem Blitz der allgewaltigen Gottheit, auch nicht mit dem Schwert eines großmächtigen Königs, sondern durch sein freiwillig übernommenes Leiden zur Sühne für die Sünden der Menschen bewirkt dieser Gottesknecht die Erlösung: „Er wurde durchbohrt wegen unserer Vergehen, zerschlagen für unsere Sünden. Seine Züchtigung war zu unserem Heil, durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jesaja 53, 5). Noch mehr prophetische Vorausschau auf Jesus den Christus ist schwer vorstellbar.

Nun hat es mit dem „Deuterojesaja“, das die Kapitel 40 – 55 des Jesaja-Buches und somit auch die Lieder vom Gottesknecht enthält, seine eigene sehr komplizierte Bewandtnis. Es ist sicher viel jünger als der historische Jesaja, der im späten 8. Jahrhundert gelebt haben dürfte, und auch jünger als der erste Teil dieses Buches, dessen Entstehung vermutlich in die spätere nachexilische Zeit fällt – also ungefähr die gleiche Epoche, in der auch viele Psalmen verfaßt oder in ihre endgültige Gestalt gebracht worden sind. Wer hier wen beeinflusst hat ist umstritten und mit unseren Mitteln auch keinesfalls zu erhellen – es ist letztlich auch nicht entscheidend. Psalm 21, die Lieder vom Gottesknecht und die Kreuzigungsberichte des neuen Testaments sind nur im Dreierverbund zu lesen. Christus selbst hat das zum Ausdruck gebracht, indem er diesen Psalm mit seinen letzten Atem­zügen angestimmt hat, und der Evangelist Matthäus fand in diesem Zusammenhang strukturierende und vor allem sinngebende Elemente für seinen Bericht.

Mag sein, daß die Kirchenlehrer in ihrem Bestreben, Christus in allen Psalmen zu sehen, öfter zu viel des Guten getan haben. Doch Psalm 21 anders als messianisch und zusammen mit Jesaja in prophetischer Vorausschau auf Jesus den Christus zu lesen, ist schlichtweg unmöglich. Kein Wunder, daß dem die christliche Perspektive konsequent ausblendenden Zenger und seinen Schülern dazu nichts einfallen konnte.

Nachdem dieser messianische Bezug mit einer starken prophetischen Komponente klar gestellt ist, soll es hier weiter im Text gehen. Nach dem Rückgriff auf das „vom Mutterleib an“ der Verse 10 – 12 (das man in heilsgeschichtlicher Perspektive auch als „vom Anbeginn der Zeiten her“ auffassen kann) enthalten die Verse 13 – 19 einen Exkurs, der zunächst als eine Aufzählung von Alpträumen verstanden werden kann, wie sie einem gläubigen Juden der Entstehungszeit des Textes vor Augen stehen konnten. Büffel von Baschan, brüllende Löwen, verschüttetes (und damit nicht wieder zurückholbares kostbares) Wasser… Diese Bilder verstärken das Bild des Schreckens, dem sich der Beter ausgesetzt sieht. Unter diesen eher mythisch-allgemeinen Visionen erscheinen dann in den Versen 17 – 19 einige Zeilen mit hoher Konkretheit: Sie durchbohren mir Hände und Füße; sie gaffen und weiden sich an mir; sie verteilen meine Kleider und losen um mein Gewand.

Das „Durchbohren“ der Hände und Füße ist in der Septuaginta/Vulgata-Tradition völlig eindeutig. Die masoretische Fassung bietet hier – aus Schwäche ihrer Überlieferung oder absichtlich – nur Wortsalat, der von jüdischen und „kritisch historischen“ Übersetzern auch gerne als Wortsalat übersetzt wird, um einen allzu eindeutigen Bezug auf die Kreuzigung zu vermeiden. Die Einheitsübersetzung folgt hier der sonst eher abgelehnten griechisch/lateinischen Tradition. Den Bildern des Schreckens folgt hier (V. 20 – 32) wie schon einmal zu Beginn (dort in den Versen 4 – 6) ein Dreizeiler mit einer dem Vorangehenden entgegen gerichteten inhaltlichen Bewegung, im Hebräischen sogar jeweils mit dem gleichen Ausdruck eingeleitet: „Aber Du“. Wo dieser Dreizeiler im ersten Fall an die Treue Gottes erinnert, enthält er hier die wiederholt ausgesprochene direkte Bitte „Herr, eile mir zur Hilfe“.

Wie so oft in den Psalmen, folgt dem auch hier, kaum ist die Bitte ausgesprochen, der Schluß mit dem Dank für ihre Erfüllung. Hier sind es sogar zwei solche je aus 5 Versen bestehende Schlußstrophen. Die erste stellt den Dank des Beters in den Vordergrund, der verspricht, seine Gelübde zu erfüllen und die Treue Gottes „in der großen Gemeinde“ der Frommen Israels zu preisen. Die zweite Schlußstrophe weitet den Blick explizit über Israel hinaus: Alle Enden der Erde, alle Stämme der Völker (im Hebräischen präzise „gowyim“: alle „Heidenvölker“) sollen zum Herrn umkehren und ihn als König annehmen – sogar die Toten sollen sich dem Lob Gottes anschließen. Das ist der Kern der messianischen Hoffnungen Israels in den Jahrhunderten zwischen Exil und Abfassung der Septuaginta: Der Messias ist nicht nur der Erlöser des eigenen Volkes, er erlöst und regiert als Gottkönig die ganze Welt, den ganzen Kosmos. Im Buch der Psalmen kommt diese Einsicht immer stärker zum Ausdruck: In Psalm 66; 3 wird der Segen des Messias wie in konzentrischen Ringen, die in Israel ihr Zentrum haben, über alle Völker nah und fern ausgeweitet, und in Psalm 145; 13 kommt dann auch noch die zeitliche Dimension hinzu: Dein Königtum ist ein Königtum für ewige Zeiten, deine Herrschaft währt von Geschlecht zu Geschlecht. Das ist schon ganz nahe am Glaubensbekenntnis der Kirche: Er sitzt zur Rechten des Vaters und wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten; seiner Herrschaft wird kein Ende sein.

Die letzten Zeilen enthalten in allen sprachlichen Versionen Sätze, deren Aussage nicht völlig eindeutig zu erschließen ist. Im hebräischen Text wird der Herr hier nicht wie üblich entweder mit seinem Namen Jahweh oder dem allgemeinen Begriff Elohim angesprochen, sondern als Adonai, als Herr und Herrscher über alle. (Sonst wird „Adonai“ aus Ehrfurcht vor dem Gottesnamen nur gesprochen, wo im Geschriebenen der Eigenname Jahweh steht.) Wie erklärt sich dieser Sprachgebrauch? Es ist sicher nicht verfehlt, in der schriftlichen Verwendung von Adonai, Herr und Herrscher, auch einen Ausdruck der Erweiterung des Blickfeldes auf alle Völker zu sehen. Eine zweite Unsicherheit bezieht sich auf die in Vers 30 angesprochene Verehrung Jahwehs durch die bereits Gestorbenen – das steht direkt im Widerspruch zum weithin akzeptierten und auch in vielen Psalmen (insbesondere Psalm 87, aber auch 6; 30; 115) ausgesprochenen Glaubenssatz, daß die Toten in der Unterwelt Jahweh nicht mehr loben Können. Die nach allgemeiner Einschätzung später eingeschobene Zeile „Meine Seele lebt für Ihn, meine Nachkommen werden Ihm dienen“ soll wohl diesen Widerspruch entschärfen, indem sie nicht die Verstorbenen, sondern die lebenden Nachkommen des verstorbenen Sängers zum Subjekt des Lobes erklärt.

Und dann ist da schließlich das „Das hat der Herr gemacht/vollbracht“ der letzten Zeile. Es ist nicht eindeutig gesagt, was der Herr hier gemacht hat – hat er das „zukünftige Volk“ (in den Augen christlicher Kommentatoren ist das die Kirche) geschaffen – oder hat er das im 4. Lied vom Gottesknecht so überaus deutlich angesprochene Erlösungswerk getan und vollendet? Oder macht das, je nachdem in welcher Perspektive man es betrachtet, etwa gar keinen Unterschied? Sprachliche Analysen bringen hier nicht weiter, aber vielleicht kann man in dem im Johannesevangelium (19, 50) überlieferten aller­letzten Wort des Heilands am Kreuz einen Hinweis finden: „Nachdem er den Essig genommen hatte, sprach er ,Es ist vollbracht’, neigte den Kopf und gab den Geist auf.“

Für welche Lesart man sich auch entscheidet: Aus der Perspektive des Evangeliums betrachtet und zusammengesehen mit den Liedern vom leidenden Gottesknecht be­in­haltet Psalm 21 eine beunruhigend präzise Vorausschau auf die Passion des Erlösers und deutet gleichzeitig deren Stellung im großen Zusammenhang der Heilsgeschichte an.

Letzte Bearbeitung: 25. März 2024

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