Dominus regit me — Ps. XXII (23)

Der Stich aus der französischen Sammlung biblischer Geschichten des 17. Jahrhunderts zeigt eine klassische Darstellung von Christus dem Guten Hirten

„Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen, er weidet mich auf grüner Au.“ (22; 1)

Der kurze Psalm 22 bietet dem inhaltlichen Verständnis wenig Widerstand: So, wie er da steht, konnte er auch von einfachen und unge­bildeten Leuten aus dem Volk vertrauensvoll und dankbar gebetet werden – von den Juden im alten Israel ebenso wie den Christen im moderneren Europa, zumindest in der Zeit, als man sich unter Hirten und Weiden noch etwas vorstellen konnte. Dem Christen mag er noch leichter von der Zunge gegangen sein als dem Juden, den die letzte Zeile in unruhiges Grübeln versetzen mochte: Was ist denn damit gemeint, wenn es (im masoretischen Hebräischen) heißt „für immer und ewig“, denn mußte nicht auch der frömmste Beter, wenn seine Zeit gekommen war, hinunter in die Schattenwelt zu seinen Vätern, die Gott nicht mehr preisen können? Tatsächlich ist die griechische Version der Septuaginta in diesem Fall „jüdischer“ als die hebräische, sie schreibt in der letzten Zeile: „für die Länge der Tage“ – was ein Stück diesseitiger verstanden werden kann als das „für immer und ewig“, das keinen erkennbaren Schlußpunkt zu setzen und auf das ewige Leben vorauszuweisen scheint.

Dem Christen war – selbst bei der etwas gewundenen Ausdrucksweise der Septuaginta und entsprechend der Vulgata – die Vorstellung des ewigen Lebens eine Selbstver­ständlichkeit. Für den frommen Juden war das alles andere als selbstverständlich, und selbst eine heute so eindeutig klingende Ausdrucksweise wie in Psalm 22, 7 mochte für den jüdischen Beter bestenfalls eine schwache Vorahnung darauf abgeben, daß nach dem Tod doch noch mehr zu erwarten sei als die Dunkelheit der Unterwelt.

Im übrigen bedarf der Psalm kaum einer inhaltlichen Erläuterung – die Bilder vom Hirtenleben und ihrem bescheidenen Wohlstand sind auch modernen Stadtmenschen leicht eingängig – wenn auch nicht unbedingt erstrebenswert. Bei der Wanderung im Todesschatten (V. 4) waren dem jüdischen Beter sicher auch die Erinnerungen an den Auszug aus Ägypten und die 40 Jahre in der Wüste unter der Führung der Säulen aus Wolken und Feuer gegenwärtig – so, wie der christliche Beter dabei geradezu zwangsläu­fig an Christus als den Guten Hirten denken mußte. Und wenn wir Paulus im 1. Brief an die Korinther (10; 1-4) richtig verstehen, dann war dieser Hirte Israels beim Zug durch die Wüste kein anderer als Christus selbst.

Noch einmal zurück zur Sprache bzw. Übersetzung. Eine ähnliche sprachliche Unsicher­heit wie in der letzten Zeile ist bereits in der ersten Zeile des Psalms feststellbar; auch hier ist das Hebräische in gewisser Weise stimmiger als die griechisch lateinische Tradi­tion, und hier entspricht diese Stimmigkeit denn auch auch exakt der Lebens- und Glaubens­welt des jüdischen Beters. In der auf Luther bzw. dessen des Hebräischen kundige Mitarbeiter zurückgehenden klassischen deutschen Fassung heißt es „Der Herr ist mein Hirte“ – womit Ton und Farbe des im folgenden ausgemalten Bildes sofort eindeutig angeschlagen sind. Das Hebräische verwendet hier eine der typischen Parti­zipial­konstruktionen: Der Herr ist (mich) weidend/behirtend, und die Übersetzer der Septuaginta haben das durchaus korrekt als „Der Herr behirtet mich“ wiedergegeben. Der Vulgata fehlt es hier etwas an sprachlicher Sensibilität, sie schreibt „Dominus regit me“ – und gleitet damit aus dem Bild, bevor der erste Strich zu dessen Zeichnung getan ist. Das ist ein Schönheitsfehler. Die Nova Vulgata versucht das dadurch zu korrigieren, indem sie völlig korrekt schreibt „Dominus pascit me“ – aber das ist natürlich nicht mehr die seit über tausend Jahren das Verständnis der Kirche von der Heiligen Schrift prägen­de Vulgata, sondern ein Konstrukt moderner Wissenschaft.

Wir nutzen hier diesen vom Inhalt her wenig problematischen Psalm, um einmal auf solche Probleme der Bibelübersetzung hinzuweisen. Es ist ein großer Vorzug der älteren Bibelübersetzungen bis ins ausgehende 19. Jahrhundert, daß sie solche schwierigen Stellen nicht wie die üblichen Ausgaben von Einheitsübersetzung oder Nova Vulgata stillschweigend glätten, sondern in mehr oder weniger ausführlichen Anmerkungen darauf eingehen. Offenbar hatten die älteren Übersetzer wie Reischl oder Allioli eine höhere Meinung von ihren Lesern als die modernen – die alles mundgerecht zubereiten wollen und damit oft wichtige Aspekte des Inhalts unsichtbar werden lassen.

Letzte Bearbeitung: 21 Mai 2024

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