Domini est terra — Ps. XXIII (24)
„Ihr Tore, hebt euch nach oben, hebt euch ihr uralten Pforten, denn es kommt der König der Herrlichkeit.“ (23; 7)
So kurz dieser Psalm auch ist, so vielfältig sind die Deutungsmöglichkeiten, die darin aufgefunden worden sind. Das ist nicht zuletzt darin begründet, daß der Psalm aus vier Teilen zu bestehen scheint, die etwas unverbunden nebeneinander stehen. Der erste Teil (V 1 – 2) spricht die Anerkennung Gottes als des Schöpfers und Herrn der Erde aus. Die Erde selbst ist nach dem von den Juden geteilten altorientalischen Weltbild vorgestellt, das die bewohnte Welt als einen riesigen über den Untiefen der Urflut befestigten Inselkontinent betrachtet. Man kann darüber spekulieren, ob diese beiden ersten Verse eine in der Liturgie des Tempels gebräuchliche Formel wiedergeben – nichts spricht dagegen, aber es gibt keine Belege.
Die drei nächsten Verse behandeln anscheinend übergangslos die Frage der Zugangsvoraussetzungen zum Berg des Herrn, zum Zionsberg und dem darauf gelegenen Tempel. Der Übergang wird leichter verständlich, wenn man bedenkt, daß in dem eingangs skizzierten Weltbild der Berg des Herrn, das Paradies und der nach seinem Vorbild angelegte Tempel, die zentrale Stellung einnehmen. Von Gott geht alles aus, und auf ihn ist alles hingeordnet. In wenigen Versen zeichnen so die beiden ersten Abschnitte eine kosmologische Vision, in der Gott im Mittelpunkt steht und die Frage nach dem rechten Leben, nach der Erfüllung des göttlichen Willens nicht nur gestellt, sondern auch beantwortet wird.
Nachdem der erste Abschnitt bereits das erste Gebot der Liebe und Verehrung des einen Gottes angedeutet hat, enthält der zweite Abschnitt tatsächlich eine Kurzfassung des ganzen Gesetzes, wie es den Juden geläufig und wie es Jesus als Antwort auf die Frage: Was soll ich tun, um das ewige Leben zu erlangen, gelehrt hat: Du sollst nicht töten! Du sollst nicht ehebrechen! Du sollst nicht stehlen! Du sollst nicht falsches Zeugnis reden! Ehre deinen Vater und deine Mutter! und: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! (Matth. 19; 16 – 19) Tatsächlich wird der Psalmvers geradezu als Typos dieser Stelle des Evangeliums erkennbar, wenn man im „Hinaufgehen auf den Berg des Herrn“ bereits den Gewinn des ewigen Lebens anklingen hört.
So weit geht Psalm 23 aber noch nicht. Der nächste Abschnitt mit den Zeilen 5 und 6 wendet den Blick zumindest teilweise wieder zurück zum Irdischen, indem er ganz im Geist der jüdische Frömmigkeit den Lohn für die Befolgung des Gesetzes eher im diesseitigen und in der Begrenzung auf das auserwählte Volk verortet. Man kann darüber nachdenken, ob diese Zeilen ursprünglich den Schluß des Psalms bildeten, der dann einen Bogen schlägt von der Anrufung und Anerkennung Gottes und seines Gesetzes bis zum darin begründeten Heil für jeden Einzelnen und das ganze Volk. Jedenfalls beginnt mit den vier letzten Versen (7 – 10) etwas in Ton und Inhalt Neues. Sehr wahrscheinlich handelt es sich um ein Lied, das den Aufstieg zum Tempel begleitete. Gesungen vielleicht bei Prozessionen oder von Pilgergruppen, vielleicht aber auch nur still gebetet von Einzelbesuchern. Und wohl schon früh mit den vorangehenden Versen zur Einheit des Psalms 23 verbunden.
Traditionelle Kommentare verbinden diese Schlußlied mit der Einholung der Bundeslade nach Jerusalem durch König David oder ihrer Aufstellung im Allerheiligsten bei der Einweihung des Tempels Salomos. Sie sehen buchstäblich in jedem ihrer Worte einen Hinweis auf Christus und die Majestät Gottes und schlagen damit auch wieder einen Bogen zurück zum Gotteslob aus Vers 1.
Während die Verbindung des Psalms oder seines Schlußgesanges mit David oder Salomo konkret nicht zu belegen ist, will die moderne textkritische Bibelwissenschaft herausgefunden haben, daß die vier Schlußverse sogar noch ältere Ursprünge haben und mit ihren Wurzeln sowohl sprachlich als auch in ihrer Gedankenwelt bis in die kanaitische Vorgeschichte des Zionsberges zurückreichen. Vieles davon klingt durchaus plausibel, und nichts davon muß den christlichen Beter beunruhigen, als ob damit etwas von der Würde des Wortes Gottes in der Schrift weggenommen würde.
Hier ist wieder an die bereits im Zusammenhang mit Psalm 17 angesprochene „Inkarnationsgeschichte“ des Wortes Gottes zu erinnern, die uns auch noch bei vielen anderen Psalmen (und natürlich auch in anderen Büchern insbesondere des alten Testaments) begegnen wird. Das Wort Gottes ist nicht wie ein strahlender Stern vom Himmel auf die Erde geworfen worden, gewaltig, aber fremd, sonder es hat sich „verkörpert“ und „materialisiert“, in dem Material das von Anbeginn der Schöpfung dazu bestimmt war, eben dieser „Verkörperung“ dienlich zu sein. Im Lehm des Garten Edens und in der ungelenken Sprache wenig erleuchteter Menschen.
Und so singt die Kirche heute mit allem Recht im Advent das uralte Lied vom Zionsberg: „Macht hoch, die Tür, die Tor macht weit / es kommt der Herr der Herrlichkeit. Ein König aller Königreich, / Ein Heiland aller Welt zugleich.“
Letzte Bearbeitung: 25. März 2024
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