Ad te domine levavi — Ps. XXIV (25)
Gut und gerecht ist der Herr, die Demütigen leitet er nach seinem Recht. (Ps. 24, 8)
Psalm 24 gehört zu der kleinen Zahl „alphabetischer“ Psalmen (akrosticha), bei denen das erste Wort jedes Verses mit einem Buchstaben des hebräischen Alphabets in fortlaufender Anordnung beginnt. Das sorgt manchmal für eine unkonventionelle Wortwahl und kann dann die Verständlichkeit erschweren. Es schützt aber auch wie eine gleichsam in den Text einbezogene Nummerierung vor Verwechslung und Vertauschen von Versen in der mündlichen Überlieferung oder in der Schreibstube. Wenigstens sollte man das annehmen, aber bei Psalm 9, der ebenfalls „alphabetisch“ ist, hat das die spätere hebräische Tradition nicht daran gehindert, den Psalm aufgrund inhaltlicher Überlegungen in zwei Stücke zu teilen, während ihn die Septuaginta zweifellos in Rückgriff auf ihre hebräische Vorlage ihn noch als einen behandelt.
Auf jeden Fall ist der „Alphabetismus“ eines der poetischen Kunstmittel der hebräischen Sprache, die z. B. das in europäischen Sprachen genutzte Kunstmittel des Reimes nicht kennt. Die Übersetzer der Septuaginta, die sich des „Alphabetismus“ zweifellos bewußt waren, haben keinen Versuch unternommen, ihn im Griechischen auf irgend eine Weise nachzuahmen, und die Übersetzer vom Griechischen ins Lateinische, die oft gar keinen Zugang zu hebräischen Texten hatten, waren sich dieser Erscheinung vielleicht gar nicht bewußt.
Psalm 24 beginnt mit einem Vertrauensbekenntnis (V. 1 - 3), dem sich jeder Christ sofort anschließen kann. Tatsächlich ist die Formel: „Zu Dir Herr, erhebe ich meine Seele“ in den festen Fundus des christlicher Gebetes eingegangen. Dem folgt eine Bitte um Gottes Führung auf dem rechten Weg, die ebenfalls unmittelbar verständlich und nachvollziehbar ist. Die Bitte um Vergebung der Jugendsünden in Vers 7, die dann später in Vers 18 um die Bitte um Vergebung „all meiner Sünden“ erweitert wird, hat im Rahmen des Psalmengebetes eine gewisse Sonderstellung. Sünder sind, stark vereinfachend gesagt, meistens die anderen oder ein allgemeines Übel. Die eigenen Sünden werden nur in einer verhältnismäßig kleinen Zahl von Psalmen zum Thema gemacht – etwa in # 31;5 , #37 5, 19 und besonders auffallend in Psalm 50. Es gibt noch weitere ähnliche Stellen, aber die Grundtendenz wird schon im ersten Vers von Psalm 1 vorgezeichnet: Der Gerechte geht nicht auf dem Weg der Sünder. Er gehört nicht dazu.
Und was fast noch wichtiger ist: Das Bewußtsein um die eigenen Sünden verbindet sich mit dem Appell „Denk an Dein Erbarmen Herr, und an die Taten Deiner Huld“, was für den christlichen Beter unwillkürlich das Bild des Erlösers vor Augen stellt, der für unsere Sünden am Kreuz gestorben ist. Diese Assoziation reicht zwar nicht, um dem Psalm eine messianische Vorahnung zu unterstellen, denn die hier erinnerten „Taten Seiner Huld“ sind für den jüdischen Beter natürlich die Großtaten Jahwehs an seinem Volk von der Befreiung aus Ägypten bis zur Herausführung aus dem Exil. Aber das hier ausgedrückte Sündenbewußtsein schlägt doch eine Brücke zum leidenden Gottesknecht (Deutero)Jesajas: „Er wurde durchbohrt wegen unserer Vergehen, zerschlagen für unsere Sünden. Seine Züchtigung war zu unserem Heil, durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jesaja 53, 5). Tatsächlich wird die Entstehung von Psalm 24 mit guten Argumenten für die Zeit kurz nach der Rückkehr aus dem Exil angenommen, und in eben dieser Zeit entstanden wohl auch die Lieder vom Gottesknecht.
An zwei Stellen des Psalms (V 2 + 19) ist in eher unbestimmter Weise von den Feinden des Beters die Rede. Vermutlich liegt darin ein Grund für die Zuschreibung des Psalms an David, dessen Lebensbeschreibung von zahlreichen Kämpfen gegen die Feinde seiner (und damit Jahwehs) Herrschaft bestimmt ist.
Die wahrscheinliche Entstehung des Psalms in der Zeit nach der Rückkehr aus dem Exil lenkt jedoch den Blick auf einen im allgemeinen Bewußtsein von Juden ebenso wie von Christen wenig präsenten Zug dieser Zeit: Die tiefgehende gesellschaftliche Spaltung innerhalb der Judenheit selbst. Es waren ja nicht alle Juden ins Exil verschleppt worden, sondern nur die, wie man heute sahen würde „Oberschicht“: Die Adelsfamilien, die (höhere) Priesterschaft und die Gelehrten, wohl auch Künstler und qualifizierte Handwerker. Zurück blieben unter anderem die Bauern – irgendjemand mußte ja das Getreide, das Öl und den Wein erwirtschaften, die die Babylonier aus dem Land herauspreßten. Teilweise nutzten wohl auch fremde Völkerschaften die Gelegenheit, um sich Teile des geschwächten Landes anzueignen. Ideale Voraussetzungen für ein langdauerndes Chaos, das jedoch nicht im Interesse der babylonischen Oberherren lag. Sie wirkten darauf hin, daß sich neue gesellschaftliche und auch kultische Strukturen bildeten; in einem Wort: In den gut zwei Generationen, in denen die alte „Oberschicht“ in Babylon festgehalten worden war, hatten sich neue Schichtungen und neue Obrigkeiten entwickelt, und als die alten Herren zurückkehrten, wurden sie nicht überall mit offenen Armen empfangen.
Wo in den Psalmen von „Armen“ die Rede ist, darf man wohl nicht an Bettler vom Straßenrand denken, sondern an die Verlierer der gesellschaftlichen Verwerfungen, die mit der Rückkehr aus dem Exil verbunden waren. Solche Verlierer gab es wohl auf beiden Seiten, bei den ursprünglich Zurückgebliebenen ebenso wie bei den Rückkehrern. Fast jeder hatte Grund, in irgend einem anderen einen Feind zu sehen. Ausdrücke wie „seine Kinder werden das Land besitzen“ (V. 13) mögen einen durchaus realen Hintergrund gehabt haben.
Die christliche Lesart der Psalmen hat unter den „Feinden“ der Psalmen vielfach Teufel und Dämonen verstanden – sie folgt damit der allgemeinen Tendenz, Gebet und Gottesdienst stärker (wenn auch nie ausschließlich!) aus irdischen Zusammenhängen zu lösen und in die allgemeine Heilsgeschichte ebenso wie den persönlichen Weg zum Heil einzubetten. Vor allem im hohen und späten Mittelalter, wo es im Kernbereich des Christlichen Abendlands kaum Kräfte gab, die man als „Feinde Gottes und der Menschen“ hätte identifizieren können, war das ja auch einleuchtend: Wo David gegen Saul und Absalom, gegen Philister und Moabiter zu kämpfen hatte, sah sich der Christenmensch eher im Kampf gegen die „Mächte und Gewalten“, die ihn vom rechten Weg abbringen und zur Sünde verführen wollten.
Krieg und Bürgerkrieg hatten in der Regel keine metaphysische Dimension, zumindest nicht bis zu den nachreformatorischen Religionskriegen. Für das Psalmengebet führte das dazu, die dort immer wieder erwähnten raubtierartigen und mörderischen Feinde nicht primär in der konkreten Lebenswelt, sondern als Abgesandte der Hölle wahrzunehmen.
Wie es scheint, bahnt sich hier im 21. Jahrhundert eine Änderung an. Innergesellschaftliche Auseinandersetzungen sind immer öfter nicht Ausdruck einer Gegnerschaft, die sich überbrücken ließe, sondern gehen einher mit Feinderklärunge, die der Gegenseite unter Berufung auf nachgerade metaphysische Wertsetzungen jedes Recht absprechen und unter Androhung der Vernichtung bedingungslose Unterwerfung fordern. Wenn heute etwa ein Christ betet: „Sieh doch, wie zahlreich meine Feinde sind, / mit welch tödlichem Hass sie mich hassen!“ (V. 19), muß er dabei durchaus nicht an körperlose Dämonen denken, sondern kann auch seine Angst vor den diabolischen Machenschaften von Menschen aus Fleisch und Blut zum Ausdruck bringen.
Von daher gesehen gewinnt ein Unterschied in den Sprachversionen der hebräischen und der griechisch/lateinischen Tradition eine besondere Bedeutung. Das Hebräische hat in V. 21 so eindeutig, wie etwas im hebräischen Bibeltext sein kann, die Bitte „Unschuld und Redlichkeit mögen mich schützen“, und die westliche Tradition hat ebenso eindeutig: „Die Unschuldigen und Redlichen mögen mir zur Seite stehen“. Hier wendet die Vulgata den Blick also ganz klar auf die irdische Seite: Redliche Menschen mögen mir in meinen (dementsprechend ebenfalls als irdisch vorgestellten) Auseinandersetzungen helfen“. Das Hebräische ist hier weniger eindeutig und öffnet den Blick auf eine mehr metaphysische Ebene: Unschuld und Redlichkeit sind nicht nur Abstrakta, sondern Gaben und Eigenschaften Gottes. Und diese Gaben und Eigenschaften können sogar nachgerade personale Qualität annehmen, wenn es in Psalm 84, 14 heißt: „Gerechtigkeit geht vor ihm her / und Heil folgt der Spur seiner Schritte“. Oder in Psalm 88, 5: „Recht und Gerechtigkeit sind die Stützen deines Thrones, / Huld und Treue schreiten vor deinem Antlitz her“. Ruht der Thron Gottes nicht auf den vier Seraphim? Und sind die Engel nicht „seine Diener, die seinen Willen vollziehen“? (Psalm 102, 21).
Im Hebräischen klingt es zumindest an, daß der Beter nicht nur um die Hilfe von, prosaisch gesprochen, „Gesinnungsgenossen“ bittet, sondern ein unmittelbares Eingreifen Gottes und seiner himmlischen Heerscharen erfleht. Was ja sehr gut zu der westlichen Auffassung passen würde, daß die hier und in anderen Psalmen genannten „Feinde“ in vielen Fällen nicht einfach böse Mitmenschen, sondern „Mächte und Gewalten“ aus dem Abgrund der Hölle selbst sind.
Letzte Bearbeitung: 25. März 2024
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