Dominus illuminatio mea — Ps. XXVI (27)
„Mag ein Heer mich belagern - mein Herz wird nicht verzagen“ (Ps. 27, 2)
Psalm 26 stellt den Beter vor die Schwierigkeit, mitten im Text (zwischen V 6 und V 7) einen Wechsel der Perspektive und eine Veränderung der Situation wahrnehmen und womöglich mitvollziehen zu sollen. In der ersten Hälfte, die den Charakter eines Vertrauensbekenntnisses hat, spricht der Beter von Gott, die Situation ist die von Kampf und kriegerischer Auseinandersetzung. In der zweiten Hälfte spricht der Beter direkt mit Gott, das Gebet wird zur Bitte, und als Situation ist zwar immer noch eine Auseinandersetzung vorgestellt – aber wohl weniger im Krieg, sondern innerhalb der Gesellschaft, vielleicht vor Gericht.
Eine auffällige Gemeinsamkeit zwischen beiden Teilen besteht darin, daß die Gefahr oder Notlage des Beters, die doch den Anlaß zum Gebet bietet, jeweils nur mit wenigen Worten angedeutet wird während die Bekundungen der Freude am Herrn und des Vertrauens auf seine Hilfe breit ausgeführt werden. Sie bilden den Grundton in beiden Teilen. Der letzte Vers wechselt erneut die Perspektive: Er erscheint als Appell an den Beter, auch in höchster Not nicht zu verzweifeln und die Hoffnung auf den Herrn nicht aufzugeben – er bezieht sich somit auf beide vorangehenden Hälften und bindet sie in gewisser Weise zusammen.
Die moderne Bibelwissenschaft hat aus diesem Befund den Schluß gezogen, daß beide Hälften ursprünglich selbständige Gebete waren, die später zusammengefügt wurden – und dem ist kaum zu widersprechen. Dem Beter hilft diese Wissenschaft freilich nur begrenzt weiter. Er weiß jetzt, daß er zu Recht eine Schwelle oder Unebenheit zwischen den beiden Teilen wahrgenommen hat, wie er damit umgehen soll, weiß er noch nicht. Den Psalm radikal in zwei getrennte Stücke zu zerlegen, wie es mit Hermann Gunkel, eine der Größen der historisch-kritischen Bewegung, getan hat, wäre ein Traditionsbruch gegenüber der griechisch-lateinischen ebenso wie der hebräischen Überlieferung und würde zudem die Ordnung des Stundengebets sprengen.
Irgend einen hoffentlich nachvollziehbaren Grund muß es ja gehabt haben, daß die beiden ursprünglich getrennten Gebete im Lauf der Redaktionsgeschichte des Psalters zu einem einzigen Psalm zusammengefügt worden sind.
Oder daß sie quasi „von unten“ durch die Gebetspraxis der Frommen zusammengewachsen sind. Moderne Bibelwissenschaftler neigen dazu, den (von ihnen so genannten) „Redakteuren“ der heiligen Schriften phänomenale Fähigkeiten in der Zusammenschau im Text verstreuter Wörter und Ideen zuzuschreiben, die sie zu den kunstvollsten Kompositionen befähigt – die dann die Wissenschaft zu ihrer großen Befriedigung wieder auffinden und beschreiben kann. Solche Zusammenhänge, Symmetrien oder Spiegelungen kann man natürlich nicht generell ausschließen. Auch das Wirken des Heiligen Geistes wird in bestimmten Fällen die „Redakteure“ für das entschädigt heben, was ihnen an Computerpower nicht zur Verfügung stand. Aber gerade bei einem Gebetbuch wie dem Psalter sollte man auch bedenken, daß der ganz alltägliche Umgang mit den Texten in Liturgie oder privater Gebetspraxis bestimmte Kombinationen hervorbrachte, die den Menschen der Zeit besonders naheliegend erschienen. Und der hl. Geist handelt ja nicht nur durch Einflüsterung an begnadete Intellektuelle an ihren Schreibtischen (oder Schreibtafeln), sondern auch durch die Glaubens- und Gebetspraxis der Frommen.
Der Appell des letzten Verses mag den Hinweis darauf geben, wie sich der Zusammenhang zwischen den beiden Liedern für den Beter des vorchristlichen Jahrtausends dargestellt hat - und wie er für den Beter des 3. nachchristlichen Jahrtausends durchaus nachvollziehbar ist. Teil 1 und 2 zusammen reagieren auf die beiden großen Notlagen, denen sich die Menschen in Israel damals ausgesetzt sahen: Den Krieg mit stets bedrohlichen äußeren Feinden, und die anscheinend nie endenden Auseinandersetzungen und Fehden innerhalb des in Stämme und Familienverbände mehr gespaltenen als gegliederten Volkes selbst.
Beide Arten von Konflikten finden, wenn keine Lösung, so doch eine Perspektive der Hoffnung im Glauben an Jahweh, die in beiden Teilen den Ton bestimmt. Im ersten Teil des Psalms in den Bildern vom Frieden und der Würde des Tempels, im zweiten Teil in der mehrfach wiederholten Bekundung des Vertrauens. Dieses Vertrauen ist mehr als eine Hoffnung, sondern eine Gewissheit (V. 13), die sich auf die ganze Geschichte des Bundes stützen kann, auf einzelne von deren Episoden die Verse von Teil 2 anspielen. Und so zieht der letzte Vers in seinem Appell nur die Schlußfolgerung aus dem in beiden vorangehenden Teilen Gesagten: Du hast die Freundlichkeit des Herrn gesehen in seinem Tempel, du hast von seinen großen Taten und seiner Treue gehört – nun laß Dich nicht vom Weg des Herrn und seines Gesetzes abbringen.
Dieser Ansatz löst noch nicht alle Probleme dieses Psalms, die nicht nur von der Zusammenfügung zweier unterschiedlicher Teile herrühren, sondern auch von den verwandten Sprachbildern, die sich umso schwerer in ein Ganzes fügen lassen, je mehr man sie mit der Macht der Logik dahin zu zwingen versucht.
Letzte Bearbeitung: 25. März 2024
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