Ad te domine clamabo — Ps. XXVII (28)
„Vergilt ihnen, wie es ihrem Treiben entspricht, und ihren bösen Taten“. (27; 4)
Psalm 27 ist ein allgemeines Bitt- oder Klagegebet, über dessen konkreten Anlaß wir wenig erfahren. Doch wann hätten Klagen je eines konkreten Anlasses bedurft? Die Zeilen 3 – 5 lassen vermuten, daß es – wieder einmal – um Auseinandersetzungen in der Gemeinschaft, in der Familie oder am Wohnort geht. Davon gab es in Alt-Israel ebenso viele wie bei uns Heutigen – von daher schlägt der Psalm eine durchaus nachvollziehbare Stimmungslage an. Nicht voll nachvollziehbar – wenn auch überaus verständlich – sind die Vergeltungsbitten dieser Zeilen, die ganz im Vorstellungsrahmen des Tun-Ergehen-Zusammenhanges befangen sind.
Das geht hier zwar nicht so weit wie bei den eigentlichen „Fluchpsalmen“, die den schrecklichen Zorn Gottes auf den Gegner herabrufen, aber es ist unverkennbar: Das Gebet zielt nicht auf eine Besserung der Widersacher oder darauf, der Herr möge ihrem üblen Treiben Einhalt gebieten, sondern der alttestamentliche Beter hält es für selbstverständlich und bewiesen, daß der Widerpart die Strafe Gottes verdient hat und nach ihrem vollen Maß erleiden soll. Das ist kein Grund, dem Gott des Alten Testaments und dessen Betern Grausamkeit und Rachsucht zu unterstellen und daraus einen Gegensatz zum „Gott der Liebe“ des neuen Testament zu konstruieren.
Auch der „Gott der Liebe“ läßt seiner nicht spotten. Das Wissen um Gottes unbedingte Gerechtigkeit mußte jedoch in einer Zeit mit schwach ausgebildeter Jenseitsvorstellung – Vers 1 spricht das ausdrücklich an – notwendigerweise andere Glaubens- und Gebetsformen hervorrufen als in der späteren Epoche der Offenbarung, die zu der Einsicht geführt hatten, daß die Gerechtigkeit Gottes sich nicht auf die Vergeltung im irdischen Leben beschränkt. Das ist zweifellos ein Fortschritt – und der heutige Beter, der sich oft genug versucht sieht, ebenfalls seinem „Feind“ nicht die barmherzige und das Leben verändernde Liebe Gottes zu wünschen, sondern lieber Pech und Schwefel auf ihn herabregnen sähe, tut gut daran, bei diesem (und vielen andern) Psalm daran zu denken, daß er mit solchen Vergeltungswünschen in die Zeit vor der Erlösung der Welt und ihrer Sünder durch den Menschensohn zurückfällt. Was keine untilgbare Schande darstellt, sondern Auswirkung der Erbsünde ist, die Juden und Christen gleichermaßen krank gemacht hat.
Zur Zeit der Entstehung dieses Psalms war die Abwehr der Bösen jedenfalls nur denkbar durch deren „Unschädlichmachung“, auch wenn das Vernichtung bedeutete. Diese Vortellung belastet den Beter jedoch keinesfalls, da sie ihm als Ausdruck von Gottes Gerechtigkeit erscheint. Im Vertrauen darauf stimmt der Beter dann ab Vers 6 ein Loblied an auf den Herrn, der sein Flehen erhört und sein Vertrauen belohnt hat. Diese Gewissheit der Erfüllung des Gebets und des Wirkens der göttlichen Gerechtigkeit war schon bei den Juden in der Zeit nach dem Exil erschüttert – das in dieser Epoche entstandene Buch Hiob gibt Auskunft über die damit verbundenen Probleme und die Denkanstrengungen, ihrer Herr zu werden. Es ist bis heute aktuell.
Vers 2 unseres Psalms enthält eine Passage, die im griechisch/lateinischen Text geringfügig anders ausgefallen ist als im Hebräischen. Die Vulgata spricht hier im Versuch, einen etwas schwierigen griechischen Ausdruck zu übersetzen, schlichtweg vom Erheben der Hände „zu deinem heiligen Tempel“. Das Hebräische hat an dieser Stelle ein selten gebrauchtes Wort, das nicht den Tempel als ganzes bezeichnet, sondern ausdrücklichste das Allerheiligste des Tempels. Das wird von Erklärern als Anzeichen dafür gesehen, daß das Gebet ursprünglich im Tempel zum Allerheiligsten hin gesprochen wurde, vielleicht sogar Bestandteil einer allgemeinen Bittliturgie des Tempelgottesdienstes war.
Das könnte zum besseren Verständnis einer Besonderheit der letzten beiden Verses (8+9) beitragen, die nicht mehr aus der Position eines betenden Ichs (das können auch mehrere sein) heraus formuliert sind, sondern sich mit einem eindeutigen Imperativ an den Herrn wendet: „Der Herr ist die Stärke seines Volkes und er beschützt das Heil seines Gesalbten. Hilf Herr, Deinem Volk und segne Dein Erbe, regiere sie und erhalte sie auf ewig.“ Das klingt wie ein Segensspruch, der zum Abschluß der vorangehenden von den Betern vorgetragenen Verse von den Priestern des Tempels (oder dem Familienoberhaupt im Hause) gesprochen wurde.
Die alte Kirche scheint das so ähnlich gesehen zu haben, denn sie hat Vers 9 in ihrem auf sehr frühe Zeit zurückgehenden Morgengebet „Te Deum laudamus“ zum Abschluß eines Abschnittes gemacht, den man modern mit „Fürbitten für das Volk“ bezeichnen könnte. Diese Aufnahme des Psalmverses dürfte noch dadurch erleichtert worden sein, daß darin vom „Heil seines Gesalbten“ die Rede ist, was im frühen Christentum gar nicht anders verstanden werden konnte als eine Vorausschau auf den Messias. Und messianisch wurde dieser (Segens-)Spruch wohl auch von vielen Juden der vorchristlichen Zeit verstanden, denn das eigene Königtum Israels lag schon Jahrhunderte zurück, und eine Wiederherstellung im rein weltlichen Sinne war kaum zu erhoffen.
Letzte Bearbeitung: 26. März 2024
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