Afferte Domino — Ps. XXVIII (29)

Das Gewitter mit Blitz und Donner ist hier nur der Hintergrund - es versinnbildlicht den Zorn Gottes angesichts des im Vordergrund dargestellten Mordes Kains an seinem Bruder Abel.

Die Stimme des Herrn sprüht flammendes Feuer Ps. 28, 7)

Die Tradition von Juden und Christen nennt als Autor dieses Psalms König David und weiß auch einen Anlaß für dessen Dichtung oder Vortrag anzugeben: Die Einweihung des „festen Bundeszeltes“ (nicht des Tempels, dessen Er­rich­tung wird erst Salomo zugeschrieben) auf dem Zionsberg, vielleicht im Zusammenhang mit der Übertragung der Bundeslade.

Bei allem, was mit den frühen Königen Israels zu tun hat, bewegen wir uns historisch auf unsicherem Terrain – aber dieser Psalm ist in seinem Kernbestand wohl tatsächlich sehr alt. Vielleicht sogar älter als die Könige Israels und die jüdische Besiedlung des Heiligen Landes. In weiten Teilen ähnelt das hier gezeichnete Gottesbild dem von Psalm 17 (18), einem Gott des Gewitters und der Erdbeben, vor dessen Angesicht die Erde erzittert. Tatsächlich wollen einige Wissenschaftler in den Versen 3 – 9 eine ganze oder teilweise Übernahme eines Hymnus an den Gewittergott Baal der Kanaaniter erkennen. Stil und Tonart sind aufgefundenen kanaanitischen Hymnen durchaus ähnhlich – aber eine direkte Vorlage wurde bisher nicht nachgewiesen.

Insoweit wäre dieser Psalm bzw. diese Zeilen also ein Gegenstück zu dem ebenfalls bis in die Zeit „vor Jahweh“ zurückreichenden Psalm 17(18), und das dort bereits gesagte ist ohne weiteres auch hier zur Erklärung ausreichend. Wir wissen, daß die aus Ägypten befreiten Juden das Land Kanaan unter großen Anstrengungen eroberten, und zur Beute (oder Last) solcher Eroberungen gehören immer auch Bruchstücke der Religion der vorgefundenen Bewohner, die dann mehr oder weniger glücklich in das eigene religiöse Weltbild integriert werden – Psalm 106; 34 stellt dafür einen eindrucksvollen Beleg.

Inhaltlich bieten die in den Versen 3 – 9 gezeichneten Gottesbilder (jedoch Vorsicht: Du sollst dir kein Bildnis machen!) weder Juden noch Christen unüberbrückbare Schwie­rig­keiten: Man kann diese Bilder als Gleichnisse der Majestät und der Allmacht Jahwes verstehen und auch beten, ohne sich an den ursprünglich dahinter stehenden Attributen einer uralten Naturgottheit zu stören, ja ohne überhaupt etwas von diesen Zusammen­hängen zu wissen. Den Verfassern der heute überlieferten hebräischen Form des Textes war dieser Zusammenhang aber anscheinend sehr wohl bewußt, und sie haben ihn nicht peinlich berührt verdrängt oder verborgen, sondern offensiv genutzt, um die Majestät Jahwehs hervortreten zu lassen. Jede der Zeilen 3 – 9 beginnt mit einem „qowl yahweh“, das sich nach Auskunft von Hebraisten ziemlich donnernd anhört und mit dem sinnge­mäß völlig richtigen „Die Stimme des Herrn“ daher nur unzureichend wiedergegeben ist. Das „vox domini“ der Vulgata rumpelt da schon etwas stärker, reicht aber wohl nicht an das „qowl yahweh“ heran: Die sieben Zeilen dieses Abschnitts sprechen nicht nur von der Stimme des Herrn, sondern sie lassen ihren Donner lautmalerisch auf eindrucksvollste Weise hören.

Auch das spricht für das hohe Alter dieser Verse und ihre mögliche Übernahme aus der Hymne an einen „älteren“ Gott, denn zur Beschreibung der Begegnung des Propheten Elias mit dem „wahren“ Jahweh verwendet das Buch der Könige (I. Könige 129, 11 – 13) eine Beschreibung, die sich wie ein wörtliches Dementi der donnernden Erscheinungen unseres Psalms liest: „Da zog der Herr vorüber: Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerschmettert und die Felsen zerbrach, ging vor dem Herrn her. Doch der Herr war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der Herr war nicht im Erdbeben. Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der Herr war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln.“ - Und eben darin erkennt Elias den Gott Israels.

Trotzdem sollte man beide Passagen nicht in Gegensatz zueinander stellen. Die Majestät Jahwehs umfasst alle Aspekte. Tatsächlich begegnen wir den sieben Donnerstimmen des Allmächtigen auch noch einmal im Neuen Testament, und zwar im 10. Kapitel der Geheimen Offenbarung, wo das, was sie zu verkünden haben, freilich versiegelt wird und der späteren Offenlegung vorbehalten bleibt.

Etwas problematischer als die „Abbildung“ Jahwes als majestätischer Donnergott ist die Einkleidung dieser Schilderung in eine Rahmenhandlung, die das Bild eines überir­di­schen Gottesdienstes zeichnet, in dem die ganz wörtlich so bezeichneten „Göttersöhne“ ihrem „Obergott“ alle schuldige Reverenz erweisen und seinen donnernden Auftritt mit einem donnernden „kabowd“ beantworten – das auch die Septuaginta/Vulgata nicht anders übersetzen kann als mit „Gloria!“ Das Bild verliert seine Anstößigkeit, wenn man den ungewohnten Ausdruck der „Göttersöhne“ aus seinen Zusammenhängen in der altorientalischen Mythologie löst und vor dem Hintergrund des zugegebenermaßen etwas unsystematischen alttestamentliche Lehre von den Engeln neu betrachtet: Und schon zeigt sich das Bild des Herrn der himmlischen Heerscharen, der auf dem feurigen Thron sitzt und das immerwährende „sanctus“ der heiligen Geister entgegennimmt. Und wieder sind wir ganz nahe bei den Bildern, die der Seher Johannes zur Beschreibung dessen gewählt hat, was er in seiner Vision geschaut hatte.

Ob ursprünglich Baalshymnus oder nicht – die Schilderung der göttlichen Majestät in Psalm 28 ist allgemein genug, um Beter vieler Zeiten und Traditionen den Ausdruck ihrer Frömmigkeit zu ermöglichen. Die Endredaktion des Psalters ratifizierte das dann noch mit zwei Zeilen, die dem ganzen eine unverkennbar jüdische (und auch für Christen betbare) Signatur anhängten. Jahweh ist es, der als ewiger König über der Flut des Chaos herrscht und der seinem Volk Israel und seiner Kirche Segen und Stärke verleiht.

Die Einbettung des Psalms in die geistgeführt und historisch gewachsenen Vorstellungen des altorientalischen Israel von der Majestät seines Gottes scheint übrigens die Juden griechischer Tradition und Bildung, die Psalm 28 für die Septuaginta übersetzten, einigermaßen überfordert zu haben. Die Septuaginta – und in der Folge auch die Vulgata – übersetzt einige Verse recht „merkwürdig“, und das Ergebnis vermittelt dann weniger das Bild einer himmlischen Liturgie, in der die „Mächte und Gewalten“ des Himmels den Herrn der Heerscharen in seinem kosmischen Tempel lobpreisen, sondern eher eine stärker nüchtern akzentuierte Aufforderung an die „Söhne des Volkes Gottes“, im Tempel von Jerusalem Lämmer als rechte Opfer darzubringen. Keine völlige Entstellung des Inhalts, aber doch Verlust einer ganzen Dimension.

Bei Kirchenvätern wie Augustinus wird diese Verschiebung der Dimension, die unser­einem als Verlust erscheint, noch eine Stufe weiter getrieben. Es ist, als ob der heilige Bischof von Hippo den „unheiligen“ heidnischen Ursprung der in diesem Psalm auf­schei­nenden Bilder gerochen hätte und sie deshalb entschlossen (und einigermaßen gewaltsam) durch völlig eigenständige Themen aus der christlichen Gedankenwelt ersetzt hätten, Tenor: Höre o Gott die Stimme meines Gebets!. Dabei ist schwerlich zu bestreiten, daß man die Verse von Psalm 28 in diesen Bildern und mit diesen Gedanken interpretieren kann kann. Aber diese Interpretation ist dann wirklich nur noch von außen Hineingelegtes – sehr fromm, sehr gut der katholischen Lehre entsprechend und von daher für die eigenständige Betrach­tung durchaus förderlich – aber weit entfernt nicht nur vom Ursprung und dem historischen Inhalt dieser Gebete, sondern auch von dem Text, den der Beter in welcher Übersetzung auch immer vor Augen hat.

Der Vorwurf der „kulturellen Appropriation“, der (ante litteram) von der Zenger-Schule gegen die traditionelle christliche Psalmenauslegung ins Feld geführt wird, hat hier seinen rationalen Kern. Konsequent durchgeführt, wird auf diese Weise alles spezifisch jüdische, alles Vorchristliche aus den Psalmen getilgt und damit das Wort Gottes, das sich doch auch an die Juden gerichtet hat (selbst wenn die es oft genug nicht hören wollten) um eine wesentliche Dimension verarmt.

Letzte Bearbeitung: 23. Mai 2024

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