Confitemini Domino quoniam bonus — Ps. CVI. (107)
„Er machte aus dem Sturm ein Säuseln, so daß die Wogen des Meeres sich legten“(106; 29).
Nachdem das 4. Buch mit einer Reihe von Geschichtspsalmen abgeschlossen hat, die eher lehrmäßigen Charakter haben, beginnt das 5. und letzte Buch mit Psalmen, für die ein im engeren Sinne liturgischer Gebrauch angenommen werden kann. Inhalt und Form von Psalm 107 deutet auf eine Wallfahrerliturgie hin, innerhalb derer die Beter dem Gott Israels in seinem Tempel auf dem Zion in feierlicher Form für die vielerlei Wohltaten dankten, die er ihnen zukommen ließ. Dabei sind zwei große Abschnitte klar zu unterscheiden. Der größere erste Teil (1 – 32) wird mit einer kurzen Gebetsaufforderung (1 – 3) eingeleitet, die möglicherweise auf einen antiphonalen Ablauf des Gebetes hinweist. Im Folgenden enthält dieser Teil in vier Abschnitten/Strophen eine Reihe von Konkretisierungen an die Beter, dem Herrn für die dem auserwählten Volk allgemein, aber auch ihnen persönlich erwiesenen Wohltaten zu danken. Als besondere Gruppen werden genannt die Wanderer und Reisenden, die Gefangenen und Versklavten, die Kranken und Leidenden und schließlich die Seefahrer und Händler.
Die Strophen für jede dieser Gruppen sind jeweils nach dem gleichen Schema aufgebaut: Die ersten beiden oder auch drei Verse beschreiben die Notsituation – dem folgt eine Art „innerer Refrain“ mit den Worten: Sie schrien in ihrer Verzweiflung zum Herrn und er befreite sie aus ihrer Not. Danach kommt eine kurze Schilderung des Rettungsvorgangs und ein weiterer Refrain mit der Aufforderung: Sie sollen den Herrn preisen für sein Erbarmen und für seine Wunder an den Menschen. Der letzte Vers der Strophe geht dann noch einmal auf die konkreten Umstände der Rettung ein. Das Schema selbst wird strikt eingehalten – allerdings gibt es insbesondere in der dritten Strophe Abweichungen bei der Zahl der Verse, die vermuten lassen, daß hier – warum auch immer – spätere Erweiterungen in den Text eingefügt worden sind.
Überhaupt scheint der Psalm trotz der beeindruckenden formalen Einheit des ersten Teils eine komplizierte Entstehungsgeschichte gehabt zu haben: Die beiden ersten Notsituationen lassen sich unschwer auf die Heils- und Leidensgeschichte des Volkes Israel insgesamt beziehen: Auf den 40-jährigen Wüstenzug und auf die 70-jährige Zeit der babylonischen Gefangenschaft. Bei den beiden folgenden ist dieser Bezug zumindest nicht offensichtlich: Krankheiten und Seuchen waren zwar weit verbreitet, aber keine davon hat jemals den kollektiven traumatischen Stellenwert von Wüstenzug und Exil angenommen, und die Erfahrung von Seenot gehörte nun gar nicht zum unmittelbaren Erfahrungsschatz der meisten Juden. Andere Notsituationen, die den Israeliten sicher bekannter waren, wie Kriegsgreuel und Hungersnot, fehlen ganz. Wir wissen also nicht, welche Überlegungen die Auswahl bestimmten, und es ist gut möglich, daß der Psalm oder eine ihm zugrunde liegende Liturgie einmal länger war und mehr Notfälle des menschlichen Lebens erfasste als der heutige Bestand. In dieser „Unvollständigkeit“ bietet Psalm 106 dem heutigen Beter reichlich Anstöße zum Nachdenken über die Gefährdungen seiner individuellen und gesellschaftlichen Lebenssituation.
Doch auch damit läßt sich die Bedeutung dieses Psalms keinesfalls voll ausschöpfen. Die frühen christlichen Erklärer haben – ausgehend vom Verständnis der beiden ersten Abschnitte als Wüstenzug und Exil – den ganzen ersten Teil als zusammenfassende Darstellung der unerlösten Menschennatur verstanden und in dem Sinne auf den Messias hin gelesen, daß Christus damit angesprochen ist, wenn es jedesmal heißt: Sie schrien in ihrer Verzweiflung zum Herrn, und er befreite sie aus ihrer Not. Wer wollte dieser Assoziation widersprechen. Die Deutung von Abschnitt 3 im Hinblick auf die Heilungswunder Jesu und von Abschnitt 4 im Bezug auf die Stillung des Sturmes (Matthäus 8, 26) konnte das nur unterstreichen, vor allem aber die der Vers 20 mit dem in allen Versionen weitgehend gleichlautenden Wortlaut: Er sandte sein Wort und heilte sie und erlöste sie aus ihrem Verderben. Die Grundbedeutung des hier im hebräischen Text stehenden Wortes (debarow) liegt näher bei „Versprechen“ als bei dem allgemeineren „Wort“ – was die Deutung auf Christus hin aber eher verstärkt als abschwächt.
Hier kann man zumindest erahnen, was es heißt, die Psalmen in ihrer prophetischen Dimension und als vom Geist inspiriert zu lesen und zu beten: Sie eröffneten und eröffnen denen, die sich dem Anruf Gottes nicht verschließen, Einblicke, die über die den Alltag regierende Linearität von Zeit, Ursache und Wirkung hinausgehen.
Der zweiter Hauptteil von Psalm 106 (33 – 43) geht den prophetischen Impulsen, die sich aus dem ersten Teil ableiten lassen, nicht weiter nach, sondern wendet sich wieder dem zu, was dem Erfahrungs- und Wissenshorizont der Beter – auch das spricht für eine Verortung dieses Psalms im liturgischen Gebrauch – vermutlich mehr entsprach: Er faßt das ganze zuvor Angesprochene in einer sehr kurz gefassten Version der Geschichte Israels in ihrem Auf und Ab zusammen, das er aus der Sicht des Tun-Ergehens-Zusammnhanges betrachtet und abschließend interpretiert: So sehen es zu ihrer Freude die Guten , und die Bösen müssen verstummen. Der Schlußvers bringt dann den wieder einmal in Form einer Frage gekleideten starken Aufruf: Um die Wege der Barmherzigkeit des Herrn zu verstehen, muß man dies alles begreifen und beachten.
Für die Beter, die am liturgischen Vortrag dieses Psalms teilgenommen – und wohl auch die „ihnen jeweils zukommenden Teile“ mitgesungen hatten, war das einerseits der Aufruf, im Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit nicht nachzulassen, und andererseits nicht zu verzweifeln, wenn die Dinge nicht ihren Bitten und Erwartungen gemäß verliefen: Grund zur selbstkritischen Gewissenserforschung, wie man heute sagen würde, bestand und besteht immer. Und dem kann auch der heutige christliche Beter uneingeschränkt zustimmen – selbst wenn die aus einer solchen Gewissenserforschung zu ziehenden Folgerungen im alten und im neuen Bund durchaus verschieden ausfallen können.
Letzte Bearbeitung: 17. April 2024
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