Paratum cor meum — Ps. CVII. (108)

In feierlicher Prozession wird die Bundeslade in die Stadt getragen. König David schreitet ihr singend und tanzend voran.

„Ich will Dich vor den Völkern preisen, Herr, Dir vor den Nationen singen und spielen“ (107; 4)

Der ohnehin schon recht kurze Psalm 107 erscheint wie eine einigermaßen willkürliche Zusammensetzung von Versen aus zwei anderen Psalmen aus dem zweiten Buch. Seine erste Hälfte zitiert wörtlich die Schlußverse 8 – 12 von Psalm 56, dem folgt als zweiter Teil dann wortwörtlich die zweite Hälfte von Psalm 59 – dort wie hier gleicherweise Verse 8 – 14. Diese Verse verstärken eine im Vorhergehenden ausgedrückte Bitte an Jahweh dadurch, daß sie einen vermutlich aus sehr alter Zeit überlieferten Orakelspruch mit einem Hilfsversprechen Jahwehs quasi „zur Erinnerung“ wiederholen und und dann darum bittet, diesem Versprechen gemäß zu handeln.

Bemerkenswert ist, daß diese Art der Bekräftigung einer Bitte offenbar in verschiedenen Zusammenhängen eingesetzt werden konnte: In Psalm 59 „verstärken“ diese Verse eine Bitte um Errettung aus einer großen gesamtgesellschaftlichen vermutlich kriegsbedingten Notlage. Dass passt dort auch inhaltlich sehr gut. Dabei lassen die Verse 11 und folgende an eine Herkunft von Orakel und Gebetsbitte an die Zeit der kriegerischen Inbesitznahme des gelobten Landes denken. In 107 ist von einer Notlage oder Krieg in gar keiner Weise die Rede – der aus Psalm 59 übernommene erste Teil des Psalms hat eher den Charakter eines Lobgebetes, in dem der Beter daran geht, dem Herrn für die ihm persönlich und seinem Volk als Ganzem erwiesenen Wohltaten zu danken. Und um diesen Dank zu bekräftigen, greift er auf eine alte Gebetsformel zurück, die ihm möglicherweise aus vielen Gebeten oder sogar liturgischen Zusammenhängen vertraut ist – die aber im konkreten Zusammenhang nicht wirklich zu passen scheint.

Ältere wie neuere Ausleger haben einigen Scharfsinn darauf verwandt, den hinter dieser Komposition vermuteten tieferen Zusammenhang zu ergründen. Wenig davon kann geradewegs als verfehlt zurückgewiesen werden, aber noch weniger kann man sicher sein, daß die gebotene Erklärung wirklich in der Sache selbst zutrifft. Sie sagt wohl mehr über den Ausleger und seine Ansichten als über Psalm 107 selbst. Wie in anderen Fällen ist man wohl auch hier am besten beraten, nicht die kompliziertesten, sondern die einfachsten Gedankenverbindungen zu suchen. Danach würde der erste Teil des Psalms eine Stimmung, ja sogar Gewissheit dankbaren Gottvertrauens zum Ausdruck bringen, die im zweiten Teil dadurch gestützt und auch in die Zukunft verlängert wird, daß Beter und Sänger sich früherer eingelöster Versprechen des Herrn erinnern und zuversichtlich die Fortdauer seines Wohlwollens erwarten.

Christliche Erklärung deutet überdies den in Vers 13 erwähnten Feind, zu dessen Abwehr die Hilfe Gottes erbetet wird – wie meistens in entsprechenden Fällen – als Bitte um Hilfe gegen den „bösen Feind“, den Teufel und seine Versuchungen. Das übersteigt zweifellos den ursprünglichen Sinn dieser Verse, die auf durchaus irdische Feinde gerichtet waren. Die Anrede Jahwehs als „Gott der Heerscharen“ war ursprünglich – daran läßt gerade diese Stelle wenig Zweifel – ganz und gar wörtlich gemeint. Und daran von heutiger, vermeintlich aufgeklärter, Warte aus Anstoß zu nehmen, wie das E. Zenger und seine Schüler immer wieder tun, trägt wenig dazu bei, die Welt, in der die Psalmen entstanden sind, und den Geist, aus dem sie hervorgegangen sind, besser zu verstehen.

Daß die Psalmen „inspiriert“ sind, also unter dem Einfluss des hl. Geistes entstanden, bedeutet nicht, daß sie von Anfang an fix und fertig die höchste Stufe der göttlichen Wahrheit und Weisheit enthalten – die wäre den Menschen auch heute noch völlig unzugänglich. Die Inspiration bedeutet, daß sie als Bestandteil jenes Erziehungsprozesses zu sehen sind, in dem der Geist Gottes die Menschen förderte und anleitete, um sich dieser Wahrheit entsprechend ihrem jeweiligen Verständnisvermögen schrittweise anzunähern. Nicht weniger – aber auch nicht mehr.

Letzte Bearbeitung: 17. April 2024

*

zurück weiter