Deus, laudem meam — Ps. CVIII. (109)

Das ist der Alttext

„Ein Lügenmaul hat sich gegen mich aufgetan. Sie reden zu mir mit falscher Zunge und bekämpfen mich ohne Grund.“ (108; 2)

Psalm 108 ist unter allen sogenannten „Fluch­psalmen“ wohl der härteste, so daß es nicht verwundern kann, daß Theologen, die den Entwicklungscharakter der Offenbarung in den Schriften auch des alten Testamentes niemals recht verstanden haben, ihn nach dem zweiten Vatikanum aus dem offiziellen Stundengebet gestrichen und so eine zweitausendjährige Praxis der Kirche für irrtümlich, schädlich und unzu­lässig erklärt haben. Bemerkenswerterweise hatten übrigens die Konzilsväter eine solche Streichung abgelehnt, aber Papst Paul VI., der ausweislich seiner Enzykliken in vielen anderen Fragen den modernistischen Tendenzen widerstanden hatte, ließ sich hier von persönlichen Befindlichkeiten leiten und setzte kraft seiner Autorität die völlige Tilgung der drei Psalmen 57, 82 und 108 durch. Aus weiteren 19 Psalmen wurden dann noch einzelne Verse gestrichen – eine schwere Beeinträchtigung der Autorität der heiligen Schrift und ein bis dahin unvorstellbarer Eingriff in das traditionelle Gebet der Kirche

Tatsächlich verlangt es dem christlichen Beter nicht erst im 20. Jahrhundert einige Anstrengung ab, Psalm 108 als Gebet im Geist von Frömmigkeit und Nächstenliebe zu sprechen. Von seinen 31 Versen ist ziemlich genau die Hälfte (nämlich 6 – 20) einer überaus wortmächtigen Verwünschung einer Gruppe von Feinden gewidmet, deren Motive und Verfehlungen selbst weitgehend im Unklaren bleiben. Traditionelle Ansätze, David selbst als Verfasser anzunehmen und den Psalm in den Zusammenhang mit einer der zahlreichen Auseinandersetzungen mit seinen Gegnern zu stellen, sind wie fast alle derartigen Zuschreibungen wenig überzeugend. Seiner äußeren Form nach konnte dieses Gebet von jedem Juden gesprochen werden, der sich von ungerechtfertigter Verfolgung aufs Äußerste betroffen sah und in seiner Verzweiflung Himmel und Hölle in Bewegung setzen wollte, um die Gegner abzuwehren.

Die ersten Verse (2 – 5) beklagen Verleumdung und grundlose Beschuldigung durch Menschen, die dem Beter möglicherweise ursprünglich nahestanden, die seine Wohltaten oder zumindest sein Wohlverhalten ihnen gegenüber mit Bosheit und Haß vergelten (5). Das läßt an die in den frühen Gesellschaften häufigen Auseinandersetzungen innerhalb von Großfamilien oder Sippenverbänden denken, die von keiner übergeordneten „Staatsgewalt“ gebändigt werden konnten.

Der Schlußteil beschreibt zunächst die Auswirkungen auf den Beter, der sich gesell­schaft­lich geächtet und um seine Gesundheit gebracht sieht (23 – 25) und, da er doch im Recht ist, den Herrn auffordert, dieses Recht auch öffentlich wiederherzustellen und sichtbar zu machen - den Gegnern zur Schmach, dem unschuldig Verfolgten zur Rettung und dem Herrn selbst zur Ehre. Insoweit bleibt Psalm 108 vollständig im Rahmen dessen, was wir auch aus anderen Psalmen kennen, in denen grundlos Beschuldigte Gott um Hilfe anrufen. Auch der Seitenhieb auf die „falschen Richter“ findet in Psalm 81 und 94 seine Parallele – das Rechtswesen Israels war, wie auch 126, 5 anzudeuten scheint, vielfach in einem höchst beklagenswerten Zustand.

Völlig aus dem Rahmen fällt dagegen der große Mittelteil des Psalms, der eine, soweit unsere Kenntnis reicht, nicht nur für das Buch der Psalmen, sondern für das ganze alte Testament einzigartige Litanei von Verfluchungen enthält. Eine Litanei, die nebenbei bemerkt, von großer sprachbildnerischer Kraft ist und zweifellos zu den poetischen und literarischen Höhepunkten der Psalmenliteratur zählt. Das auf der einen Seite als Poesie zu würdigen und auf der anderen Seite hinsichtlich seiner Maßlosigkeit in der Verwün­schung eines Mitmenschen und seiner Unangemessenheit im Sprechen mit Gott (selbst-) kritisch zu bedenken, kann auch dem frommen Beter Chancen zum Gewinn wichtiger Einsichten bieten. Chancen, die durch die ängstlich-opportunistische Verbannung dieses Psalms aus dem Stundengebet vertan worden sind.

Letzte Bearbeitung: 17. April 2024

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