Misericordiam et judicium — Ps. CIX. (110)
„Du bist Priester auf Ewig nach der Ordnung des Melchisedech“ (109; 4)
Nach dem überaus heftig und geradezu gewalttätig auftrumpfenden Psalm 108 kehrt Psalm 109 unvermittelt zu einer feierlichen Ruhe zurück. Sehr wahrscheinlich entstammt 109 – in dieser Hinsicht verwandt mit Psalm 2 – dem Umfeld der Krönungsliturgie der Königsepoche vor dem Exil, also dem 9. bis 5. Jahrhundert. Für ein hohes Alter spricht auch der in vielem schwer verständliche Überlieferungsstand des hebräischen Textes – was dazu geführt hat, das auch die griechischen oder aramäischen Versionen in einigen Versen bestenfalls als Vermutungen oder Interpretationen gelesen werden können. Auch in den kaum verständlichen Versen strahlt der Text eine Atmosphäre großer Würde und Erhabenheit aus – einer Erhabenheit, von der in den späteren Jahrhunderten der Königszeit und erst Recht unter den Bedingungen der Gefangenschaft und der Wiederaufbaus nach dem Exil im realen Leben Israels kaum die Rede sein konnte. Psalm 109 wurde unter diesen Umständen daher schon in der Zeit der Sammlung des Psalmenbuches weniger als Beschwörung vergangener Größe sondern als Vorausschau auf Zukünftiges verstanden: In sprachlichen Versatzstücken der Vergangenheit blickt Psalm 109 voraus auf das Gottkönigtum des erwarteten Messias.
Dieses Verständnis war bereits in den messianisch orientierten jüdischen Kreisen der vorchristlichen Zeit weit verbreitet. Als Jesus den Psalm im Gespräch mit den Pharisäern entsprechend auslegte – und auf sich bezog – erhoben seine Gesprächspartner denn auch zumindest gegen die messianische Auslegung keinen Widerspruch. (Matth. 22, 45 f.)
Die ersten vier Verse könnten aus einer feierlichen Proklamation stammen, in der ein (priesterlicher?) Sprecher dem Volk oder den versammelten Edlen des Volkes die Thronbesteigung des neuen Königs verkündet: Der Herr (Jahweh) hat zu meinem Herrn (dem König) gesprochen und ihn aufgefordert, an seiner (des unsichtbaren Gottes) Stelle als (sichtbarer) König das Volk zu regieren und seine Feinde klein zu halten. Er hat ihn gleichsam als seinen Sohn und Thronerben eingesetzt, und wenn auch der bloße Akt der Einsetzung von Wandel und Veränderung in der Reihe aufeinanderfolgender Könige zeugt, so ist doch DER KÖNIG letztlich immer Ein- und Derselbe. Das hier angesprochene Gottkönigtum reicht noch weit über die später im christlichen Mittelalter entwickelte Vorstellung des Königs von Gottes Gnaden hinaus: Die Könige der Vorzeit und der kommende Messiaskönig sind wahrhaft Sohn des Allmächtigen. Und als ob die Stellung des Gott-Königs noch nicht genug wäre, bringt Vers 4 noch eine Steigerungsform: Der von Gott „gezeugte“ (also nicht einfach „adoptierte“) königliche Sohn ist gleichzeitig auch Priester „nach der Ordnung des Melchisedek“ – er ist Priesterkönig und Gottessohn in einem.
Die frommen Juden der Jahrhunderte vor Christus hatten von dieser Ordnung eine weitaus lebhaftere Vorstellung, als wir sie heute bei den meisten Christen voraussetzen können. Das Priestertum des Melchisedek war älter und ehrwürdiger als das unter Mose eingesetzte Aaronitische Priestertum, als dessen Nachfahre der Hohepriester des Tempels auf dem Zionsberg den – wie viele Psalmen immer wieder hervorheben – durchaus als unvollkommen betrachteten blutigen Opferdienst verrichtete. Melchisedek war älter und größer als Stammvater Abraham, der mit ihm gemeinsam das Opfer von Brot und Wein darbrachte, seinen Segen empfing - und ihm den Zehnten zahlte. Der König nach der Ordnung des Melchisedek, den es vielleicht in grauer Vorzeit einmal gegeben hatte, bildete für viele Juden den Prototypen des Messias, dessen Wiederkehr sie erwarteten. Tatsächlich entstanden in der turbulenten Übergangszeit, als das Christentum aus dem Judentum herauswuchs, judenchristliche Sekten, die in Jesus von Nazareth den wiedergeborenen Melchisedech erkennen wollten.
Letzte Bearbeitung: 17. April 2024
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