Confitebor tibi — Ps. CX. (111)

In der Mitte ein Altar mit dem Brandopfer Um den Altar stehend der dankbare Noah und seine Sippe, darüber der Herr in den Wolken mit himmlischem Gefolge. Über allem der Regenbogen als Zeichen der Versöhnung.

„Er hat ein Gedächtnis an seine Wunder gestiftet ... an seinen Bund denkt er auf ewig.“ (110; 4,5)

Psalm 110 greift ebenso wie der vorhergehende tief in die Vergangenheit zurück und blickt weit in die Zukunft hinaus. Zunächst erscheint dieser Psalm als ein feierliches Lied des Lobes und des Dankes an den Herrn, der seinem Volk zu allen Zeiten geholfen hat, es immer erhält und auch in Zukunft erhalten wird. Wie um diese überzeitliche Geltung zu unterstützen wechselt die Sprache – das Hebräische ebenso wie die griechisch/lateinische Tradition – in den nur 10 Versen mehrfach die Zeitebenen und auch die Modi der Verben. Im einen Satz steht dann eine die Feststellung einer in der Vergangenheit begründeten Tatsache, im anderen ein in die Zukunft gerichteter Wunsch oder eine Hoffnung oder eine Möglichkeit; aber das schließt sich in keiner Weise gegenseitig aus. Einzelne Zeitpunkte und der Blick auf die Ewigkeit fließen in eins zusammen. Das vorchristliche Judentum hat diese Überzeitlichkeit schon immer wahrgenommen, aber nur selten deutlich ausgedrückt. In den Psalmen dann meistens mit Blick in die Zukunft: In alle Ewigkeit. Weitaus seltener in der Rückschau: Seit Ewigkeit. Und noch seltener, vielleicht noch andeutungsweise in Psalm 92, so betont im Kontinuum von den frühesten Zeiten bis in Ewigkeit wie hier in 110. Das Christentum hat den hier angedeuteten Gedanken in einer etwas anderen Perspektive aufgenommen und weitergeführt und schließt praktisch jedes Gebet – auch das Gebet der Psalmen nach dem Stundenbuch – mit der Formel: Wie es war im Anfang, so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit Amen.

In diesem Zeitfluß des Psalms gibt es für den christlichen Beter zwei besonders herausragende Punkte. Der eine ist die in den Versen 4 und 5 ausgedrückte Rede von dem Gedächtnis seiner Wunder, das der Herr gestiftet hat, als er denen, die ihn fürchten, zu Essen gab. Für die jüdischen Beter war das „nur“ eine Erinnerung an die Speisung mit Manna in der Wüste, mit der Jahweh sein hungerndes (und allzu oft murrendes Volk) vor dem Tode rettete. Für die christlichen Erklärer seit den frühesten Zeiten weist dieser Satz über das Manna in der Wüste hinaus auf das eigentliche Himmelsbrot der Eucharistie hin, mit dem Christus, der Messias, sein neu gewonnenes Volk speist, das er durch sein erlösendes Opfer vor dem ewigen Tod bewahren will und dem er das Geheimnis seines Leibes und Blutes zum ewigen Gedächtnis eingesetzt hat.

Der zweite Punkt, der diesen Gedanken wieder aufgreift und verstärkt, begegnet dem Beter in Vers 9: Erlösung hat er seinem Volk gespendet. Der jüdische Beter mag dabei an die Befreiung aus Ägypten oder aus der Babylonischen Gefangenschaft gedacht haben; für den Christen greift der Vers wieder zurück auf das Erlösungsopfer am Kreuz und auf dessen seitdem und für alle Zeit wirkkräftige Vergegenwärtigung in der hl. Messe. Diese Vergegenwärtigung ist übrigens ganz im Sinn der überzeitlichen Perspektive von Psalm 110 nicht auf ein „seitdem“ beschränkt: Mit dem Abstieg des Erlösers „ad inferos“ wurde auch auch den Gerechten des alten Bundes die Erlösung zuteil, die alle irdische Befreiung aus Sklaverei und Exil in den Schatten stellen sollte.

Und da ist dann noch ein weiterer Punkt. In Vers 7 wird als eine der Wundertaten des Herrn genannt, daß der Herr seinem Volk „das Erbe der Heiden“ gegeben hat, und die jüdischen Beter haben dabei wohl in erster Linie, wenn nicht sogar ausschließlich, an die Inbesitznahme des gelobten Landes und seiner Reichtümer durch die aus Ägypten frei gekommenen Stämme Israels gedacht. Doch zumindest aus der christlichen Perspektive seit dem Mittelalter ist da noch mehr.

Die meisten Kirchenväter des Westens waren vor dem Kontakt mit den Denkern des Heidentums zurückgeschreckt – vielleicht mit einer halben Ausnahme bei Augustinus, der immerhin einiges Bedenkenswerte in den Schriften Platos erkannte. Später haben dann Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert und andere viel Weisheit in den Schriften des Aristoteles gefunden, und der ein halbes Jahrhundert später wirkende Dichter des 13./14. Jahrhunderts Dante Alighieri ließ sich bekanntlich von dem frommen Heiden Vergil sogar die die Geheimnisse der jenseitigen Welt erklären. In einem tausend Jahre dauernden Prozess haben sich die Christen vieles vom „Erbe der Heiden“ angeeignet, das eben nicht nur aus Finsternis und Todesschatten, wie es im Benedictus heißt, bestand, sondern auch lichte Momente und Vorahnungen enthielt. Lichtere Momente nebenbei bemerkt, die man bei aktuellen „Inkulturationsversuchen“ nur selten erkennen kann, da diese Versuche weniger vom Drang nach Erkenntnis getrieben sind als vom Bestreben, sich der Welt, so wie sie ist, angenehm zu machen.

Der abschließende 10 Vers des Psalms, der in seinen wenigen Zeilen eine extrem verdichtete „Kurze Geschichte von Zeit und Ewigkeit“ andeutet, enthält ein probates Gegenmittel zur Abwehr aller dahin gehenden Versuchungen: „Die Furcht des Herrn ist der Anfang (aller) Weisheit, die sich darin üben, gewinnen gute Erkenntnis“.

Letzte Bearbeitung: 17. April 2024

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