Beatus vir — Ps. CXI. (112)
„Wohl dem Mann, der den Herrn fürchtet und ehrt ... das Geschlecht der Redlichen wird gesegnet.“ (111; 1.2) Ein allgemeiner Segensspruch.
Dieser Psalm schließt sprachlich und inhaltlich an den Vorgänger an – allerdings ändert sich die Perspektive: Psalm 110 spricht von Gott und seinen Eigenschaften – Psalm 111, der bis in die Einzelheiten parallel aufgebaut ist, spricht vom Menschen und dem, was er ist oder sein (und tun) soll. Wo 110 aus der Perspektive des Beters an Gott gerichtet ist, um ihn für seine die Zeiten überdauernden Wohl taten des Gesetzes zu preisen, nimmt 111 eher die Perspektive eines Weisheitslehrers oder eines Predigers ein, der Beter und Gläubige dazu aufruft, sich durch einen diesem Gesetz entsprechenden Lebenswandel dieser Wohltaten würdig zu machen.
Dazu entfaltet der Psalm einen ganzen Katalog von Heilsversprechen: zahlreiche Nachkommenschaft, Macht und Reichtum und – wenn man das „Licht“ aus Vers 4 dahingehend verstehen kann – Göttliche Gnade und Führung in allen Schwierigkeiten. Dabei macht es kaum einen Unterschied, ob das Lob von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit in in Vers 4 sich eher auf den gerecht lebenden Menschen bezieht, wie es die Tradition von Septuaginta und Vulgata nahelegt, oder auf den Herrn selbst, wie viele aus dem Hebräischen herauslesen. In jedem Fall sind diese Tugenden und Wohltaten Widerspiegelungen der Eigenschaften Gottes und Ausfluß seines Handelns an den Menschen.
Wie 110 betrachtet auch 111 seine Gegenstände „sub specie aeternitatis“: Der Gerechte wird „in Ewigkeit nicht wanken“ (Verse 3, 6 und 9). Auch hier bleibt unausgesprochen, ob es dabei um ein angedeutetes Versprechen „ewigen Lebens“ handelt oder „ewigen ehrenvollen Gedenkens“ – der Unterschied zwischen beidem, der heute fast als Gegensatz erscheint, wurde entsprechend der wenig ausgeformten Jenseitsvorstellungen der Juden der vorchristlichen Jahrhunderte, nicht so stark empfunden. Die Verstorbenen lebten auf jeden Fall weiter, solange sie im Bewußtsein ihrer Nachkommen und der Gesellschaft lebendig bleiben – vielleicht auch im Bewußtsein und in der Gnade Gottes. Nach der dritten Verheißung dieses nach Begriff von Existenzweise und Person noch unbestimmten „ewigen Lebens“ in Vers 9 endet der Psalm einigermaßen abrupt mit einer doch einigermaßen zurückhaltend anmutenden Drohgebärde gegenüber den „Frevlern“ – also denen, die Gesetz und Gebote Gottes mißachten. Sie vergehen vor Ärger und Enttäuschung, weil ihre Wünsche und Pläne unerfüllt bleiben.
Das alles kann man im Sinne eines rein irdisch begrenzten Tun-Ergehens-Zusammenhanges verstehen, und so haben es wohl auch die meisten jüdischen Beter aufgefasst. Das kann aber auch schon in der Zeit vor der christlichen Offenbarung als „Impuls“, als Eröffnung von Denkmöglichkeiten wahrgenommen worden sein, die den Blick auf weitergehende Realitäten, das ewige Leben und die ewige Verdammnis, vorbereitet. Der prophetische Charakter der Schriften des AT kommt nicht nur in den (oft selbst wieder reichlich interpretationsbedürftig formulierten) Wahrsprüchen seiner Propheten zum Ausdruck, sondern auch und vor allem darin, daß er das Vorstellungs- und Begriffsvermögen des genau dazu auserwählten Volkes entwickelt und erzogen hat.
Letzte Bearbeitung: 18. April 2024
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