Laudate pueri Dominum — Ps. CXII. (113)

Jakobs Traum von der Himmelsleiter. Im dunklen Vordergrund sieht man den schlafenden Jakob.Dahinter ganz in übeirdischem Lich  der hier als Treppe ausgeführte Aufsdtieg durch die Chöre der Himmel bis zum Thron des Allmächtigen.

„Der Herr ist erhaben über alle Völker, seine Herrlichkeit überragt die Himmel“. (112; 4)

Auch dieses Preislied stellt sich inhaltlich und sprachlich in die Reihe seiner Vorgänger, ohne dem wesentlich Neues hinzuzufügen.

Die ersten vier Verse heben, was vorher noch nicht so explizit ausgesprochen war, die zeitlich und räumlich unbegrenzte Erstreckung der Macht und Herrschaft Jahwehs hervor. Dabei enthält Vers zwei in der Übersetzung der Vulgata eine Formel, die in den Gebets- und Versikelschatz der lateinischen Kirche eingegangen ist: Sit nomen Domini benedictum, ex hoc nunc et usque in saeculum.

Nicht nur das läßt vermuten, daß Psalm 112 nicht nur bei frommen Juden, sondern auch bei den frühen Christen außerordentlich populär gewesen sein dürfte. Vers 7 ist, wenn nicht dem Wortlaut, doch dem Gedanken nach, im Magnificat, dem großen Lobgebet Mariens aus dem Bericht des Evangelisten Lukas wiederzuerkennen: „Die Mächtigen stürzt er vom Thron und erhöht die Niedrigen“. Der abschließende Vers 8 spendet Trost der jüdischen Frau, der das schlimmste Schicksal zu Teil geworden ist, das einer jüdischen Frau zustoßen konnte: Er läßt die Unfruchtbare im Hause wohnen und gewährt ihr dann doch noch Kindersegen! Natürlich dachten die Christen dabei sofort an die lebenslang unfruchtbare Elisabeth – bis die göttlich angekündigte Geburt des Johannes ihrem in den apokryphen Schriften so beklemmend ausgeschilderten Elend ein glückliches Ende setzte. Und sie dachten auch – selbst wenn die Logik dabei ein wenig schief gelegen haben mochte – an die gottesfürchtige Maria, die im Hause des frommen Josef leben bleiben konnte und schließlich „ohne einen Mann erkannt zu haben“ die Mutter des Messias wurde.

Es sind solche Verse, die die Lebenswelt der Juden und die Glaubenswelt der Christen so unlösbar miteinander verklammerten, daß der gemeinsame Besitz des Psalters von den frühesten Zeiten an und trotz aller gegenseitigen Schmähungen und Verfolgungen nie wirklich in Frage gestellt werden konnte. Schon seit Psalm 110 ist diesen Lobliedern im ersten Vers ein „Halleluja“ vorangestellt. Bei Psalm 112 folgt dann in der hebräischen Tradition (wo er die Nummer 113 hat) dem letzten Vers 9 ein weiteres „Halleluja“ – das man sicher mit einigem Recht als Bekräftigung des Voranstehenden auffassen kann. Das führt allerdings zu der Frage, warum andere ähnliche Psalmen ohne eine solche Bekräftigung auskommen.

Einen Teil der Antwort bildet der Umstand, daß die Psalmen ab 112/13 bis 117/18 das sogenannte „ägyptische“ Hallel bilden – eine Psalmenkette, die an allen Neumonden des Jahres und zum Paschamahl in einem liturgischen Rahmen gesungen wurde – s. dazu Psalm 80/81, in dem die Feier des Neumonds als „Satzung für Israel“ beschrieben wird. Immerhin vier von diesen sechs Psalmen enden mit einem „Halleluja“. Nach der hebräischen Überlieferung wären es sogar fünf. Den Griechen und Lateinern ist dieses Halleluja von 111 jedoch nicht wirklich verloren gegangen – es ist nur an den Anfang des folgenden Psalms 112 gerutscht. Vermutlich irrtümlich, denn die Markierung jeweils des Psalmendes mit einem Hallelujah macht für eine Kette wie die des Hallel durchaus Sinn – zumindest innerhalb eines liturgischen Rahmens, wie er in Israel wohl vorausgesetzt werden konnte, in Alexandria und der Diaspora jedoch möglicherweise verloren gegangen war.

Es gibt dann noch zwei weitere mit einem Ende auf „Halleluja!“ markierte Psalmenketten: 104 – 106, über deren mögliche liturgische Sonderstellung wir nichts wissen, und 146 – 150, die den feierlichen Schlußabschnitt des ganzen Psalmenbuches darstellen.

Letzte Bearbeitung: 18. April 2024

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